Einmal um die Ecke und schon steht man vor ihr – jedenfalls im Aostatal: einer Burg. Als hätten massives Mauerwerk, himmelhohe Zinnen und aufwändige Ornamente geduldig darauf gewartet, bis jemand das Tor aufstösst, um neues Leben und neuen Sinn hineinzutragen. Eine Art zweiten Frühling für Burgen, die einst das Rückgrat des Feudalismus waren und deren Türme heute nicht mehr über das Land, sondern eher über dessen Geschichte wachen.

Im Aostatal, der beschaulichen Gegend im Nordwesten Italiens, hat dieser zweite Frühling längst begonnen. Hier, wo sich die «hundert Burgen» auf den steilen Hügeln der Alpen entlang aufreihen, erzählen die Gemäuer Geschichten von Fehden und Ritterehren, noch mehr aber von Kunst und Kultur. Ja, hundert Burgen ist eine beachtliche Zahl für ein kleines Tal, denn nicht jede Burg eignet sich für eine zweite Karriere als Museum oder Hotel. Burgen sind Relikte eines längst vergangenen Zeitalters, als man noch per Schwerter statt per Smartphones argumentierte und die politische Macht in einem «Castrum» lag, wie die Römer es nannten. Doch eigentlich begann der Burgenbau auf dem ganzen europäischen Festland erst im Jahr 1000 – warum eigentlich? Und vor allem: Warum gibt es gerade im Aostatal so viele Burgen? Um der Antwort näherzukommen, muss man ein wenig Staub aufwirbeln.

Renaissance der Felspaläste

Lange war das Aostatal ein regelrechter Flickenteppich aus feudalen Herrschaften wie etwa die Challant oder die Quart, die unter eigenem Wappen eine Burg als Statussymbol, zur Verteidigung und als Statement besassen: «Hier herrsche ich». Zudem war das Aostatal im Mittelalter ein alpines Nadelöhr zwischen Frankreich, der Schweiz und Italien. Wer diese Übergänge kontrollierte, beherrschte Warenund Armeetransporte sowie Pilgerströme und konnte Zölle erheben. Das hat einen regelrechten Wetteifer entfacht, wer die prachtvollste und uneinnehmbarste Burg auf den Felsen erbaut – ein Wettkampf, dem heute die architektonische Imposanz zu verdanken ist. Nach dem Niedergang des Feudalzeitalters verloren die Burgen ihre ursprüngliche Funktion und fielen in einem Dornröschenschlaf, in Schweigen gehüllt. Schliessich wurden sie in letzter Zeit wachgeküsst, um ihnen neue Bedeutungen zuzuteilen. So begann das zweite Leben der steinernen Kolosse als Freizeitstätten, Luxushotels oder Museen – wie etwa das Forte di Bard.

2022 als Museum wiedereröffnet: das Schloss von Saint-Pierre © Aostatal Tourismus

Botero statt Bastion

Die Festung, die auf einem Felsen am Eingang des Tals thront, hat Armeen, Pilger und Staatsmänner kommen und gehen sehen. Heute indes sind es Besuchende, die sich für die bewegte italienische Geschichte interessieren, die hier wortwörtlich «in Stein gemeisselt» ist.

Beispielsweise als sie im 19. Jahrhundert den Vormarsch von Napoleons Truppen um zwei Wochen verzögerte – und diesen kleinen bedeutenden Akt des Widerstands mit der Zerstörung bezahlte. Jahrzehnte später von den Savoyern wieder aufgebaut, beherbergt es heute verschiedene Museen mit Ausstrahlung über den Alpenrand hinaus. Exemplarisch für den Wandel vom Vergessen zur Wiedergeburt ist auch das Castello di Saint-Pierre aus dem 11. Jahrhundert: Mehrfach umgebaut, restauriert, und dank märchenhafter Silhouette zum beliebten Fotomotiv avanciert, birgt es heute das regionale Museum für Naturwissenschaften «Efisio Noussan». Die Hallen, wo einst Adelige wandelten, erzählen heute von Geologie, Flora und Fauna der Gebirgswelt – Kuriosität inklusive: In der Vitrine liegt ein kleines Murmeltier, das älteste mumifizierte Tier Italiens.

Aufmüpfige Ahnin

Geschlafen wie ein Murmeltier hat auch das Castello di Verrès aus dem Jahr 1390, berühmt durch die Adelige Caterina di Challant, welche die damaligen Konventionen brach, indem sie auf dem Dorfplatz mit den Dorfbewohnern tanzte. Diese tänzerische Aufmüpfigkeit wird Jahr für Jahr lebendig, wenn am historischen Karneval von Verrès mittelalterlich Kostümierte im Fackelschein schwofen. Wer sich buchstäblich in Historie hineinlegen möchte, kann das zwischen den sanften Weinbergen von Gressan tun: Im «Castello di Tour de Villa» nächtigen Gäste in den einstigen Gemächern der Burgherren.

Als «Tour des Pauvres» bekannt, da die Einnahmen damals der Armenkasse der Pfarrei Saint Laurent zugutekamen, ist die mittelalterliche Burg heute ein Ort für Festivitäten. Burgen stehen heute nicht mehr für die Verteidigung von Territorien, vielmehr für das Bewahren von Erinnerung und Erkenntnis – und manchmal für das Kultivieren von Lebensfreude.

Neue Ausstellung

Bis zum 6. April 2026 zeigt das Forte di Bard die Ausstellung «Technica Monumentale» mit rund 100 Werken des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero (1932–2023), die seine lebenslange Auseinandersetzung mit verschiedenen Techniken widerspiegeln in Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen. Innerhalb der Ausstellung wird es einen inklusiven taktilen Rundgang geben, um das Werk mit unverwechselbarem Stil des international bekannten Malers und Bildhauers umfassend zu erleben.

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