Natur mit Special Effects
Staunen kann floral sein. Oder flirrend. Oder feucht. Tanz der geladenen Teilchen, himmlische Lichtmalerei und lila Landschaften – vom Reiz der Reisen zu Naturphänomenen.

Staunen kann floral sein. Oder flirrend. Oder feucht. Tanz der geladenen Teilchen, himmlische Lichtmalerei und lila Landschaften – vom Reiz der Reisen zu Naturphänomenen.

Manche reisen, um in Museen alte Meister zu bewundern, das hippste Café zu besuchen oder die schillerndste Partyszene. Andere aber suchen das Spektakel draussen, wo die Natur zu tricksen scheint. Es tut dem Menschen gut, wenn ihm ab und zu die Luft wegbleibt, wenn er mit offenem Mund und grossen Augen dasteht wie ein Kind, nicht wahr? In einer Welt, die von ständiger Erreichbarkeit und Informationsflut geprägt ist, kommt das Staunen abhanden – doch die Sehnsucht danach wächst: «Phenomena Tourism» heisst der Trend, wonach immer mehr Reisende nach Naturphänomenen jagen.
Sind die alltäglichen Erfahrungen eher vorherseh- und kontrollierbar, bietet das Staunen «über etwas Grösseres» eine Abwechslung, die nicht nach Erklärungen sucht. Ganz oben etwa, wo die Nacht zum leuchtenden Schauspiel wird: In Schweden, dem Land der Nordlichter. Diese «überirdische» Lichterscheinung, ist längst physikalisch entschlüsselt. Elektronen, Magnetfelder, Sonnenstürme – alles bekannt. Und doch: Wenn sich der Himmel unwirklich verfärbt, ist man jedweder Formel überdrüssig und mag es lieber für ein kosmisches Geheimnis halten, als hätte jemand eine Diskokugel im All aufgehängt.
Quasi gleich «nebenan», in Norwegen, verweilt die Sonne phasenweise ewig am Horizont. Die Mitternachtssonne tritt im arktischen Sommer oberhalb des Polarkreises auf, sodass die Sonne wochenlang nicht untergeht. Tag und Nacht verschmelzen, oder verschwinden gar, was ungewohnt sein mag für jene, die es zum ersten Mal erleben. Doch hat man sich erst einmal an das fortwährend honiggoldene Licht gewohnt, schätzt man die Gelegenheit, rund um die Uhr Outdoor-Aktivitäten zu erleben – etwa weit nach der «Geisterstunde» Bälle abschlagen auf dem Golfplatz, zu später Stunde Schwimmen oder Wanderungen im Schwein der Mitternachtssonne unternehmen.
Und wenn man nach dem Hochschauen zum Himmelsballett und dem nimmer enden wollenden Hell aka der galaktischen Grandezza ein wenig Erdung braucht, empfiehlt es sich, den Blick zu senken: auf die Moorlandschaften, die einen Fünftel des Festlands von Estland bedecken. Der Boden gibt bei jedem Schritt etwas nach, wie ein Blasen werfender Teig, sofern man nicht auf einem der zahlreichen Holzstege wandert, welche die mystischen Moore durchziehen. Mystisch einerseits, weil über hier Moos wuchert und Nebel wabert (oder ist ein Kobold, der da wandelt?) – andererseits, weil sich um die ebenso geheimnis- wie friedvollen Feuchtgebiete Sagen und Legenden ranken.
Ein nasses Naturschauspiel ereignet sich zur Zeit der Schneeschmelze zwischen Winter und Frühling, das die Menschen in Estland die «fünfte Jahreszeit» nennen: Im Sooma-Nationalpark tritt das Wasser über die Ufer und überschwemmt Wiesen und Wälder, sodass sich Wanderpfade in Kanuwege verwandeln. Auch die Lüneburger Heide in Niedersachsen wird saisonal regelrecht «überschwemmt», jedoch nicht mit Wasser, sondern mit Blüten.

Jedes Jahr zwischen Anfang August und Mitte September zieht sich ein endloser violetter Blütenteppich über die eher karge Landschaft zwischen Buchholz und Bad Bodenteich. Millionen Heidepflanzen blühen im Naturschutzgebiet auf 234 Quadratkilometern gleichzeitig, und was eben noch beige-blassgrün schien, leuchtet in sattem Purpur, als hätte jemand einen Filter über die Landschaft gelegt und die Sättigung gewagt hochgedreht, um der Einladung zum Bad lila Blütenmeer Nachdruck zu verleihen. Das spätsommerliche Spektakel hält nur einige Wochen an. Das ist typisch für die Naturphänomene, die eben vergänglich und bisweilen unberechenbar sind – und vielleicht gerade deshalb so schön staunenswert.
Violettes Blütenmeer, Nordlichter, Mitternachtssonne – zwar gibt es solche Phänomene in der Schweiz nicht, doch auch hierzulande kann einen die Natur phänomenal aus den Socken hauen. Etwa beim Alpenglühen: Durch die Streuung des Sonnenlichts in der Atmosphäre, wenn die Sonne tief am Horizont steht, erreichen nur noch die langwelligen roten und orangefarbenen Anteile das Hochgebirge. So leuchten Gipfel wie das Matterhorn oder die Jungfrau für wenige Minuten in warmen, intensiven Orange- und Rottönen.
Weniger feurig, dafür umso flauschiger wirkt das Nebelmeer: Es entsteht bei stabilen Hochdrucklagen, meist im Herbst und Winter, wenn sich in den Tälern kalte Luft sammelt und dort liegenbleibt wie ein Deckel, während sich die wärmere Luft darüber schichtet. Der Nebel bleibt so in tieferen Lagen gefangen, während auf den umliegenden Höhen, etwa auf dem Uetliberg, der Rigi oder dem Weissenstein im Jura, die Sonne scheint und der Blick über ein dichtes, weisses Wolkenmeer reicht.
In die Kategorie der Naturphänomene gehört auch der Indian Summer, jene kurze Phase im Herbst, wenn die Laubwälder goldig bis kupferfarben erstrahlen, beispielsweise im Val Müstair im Kanton Graubünden, im Engadin, aber auch in tieferen Lagen wie dem Greyerzerland in Freiburg. Und im Winter, wenn die Temperaturen lange unter null bleiben, gefrieren Wasserfälle, sodass sie zu bizarren Eisskulpturen erstarren, etwa die Staubbachfälle im Lauterbrunnental, die Reichenbachfälle bei Meiringen oder manche Wasserfälle bei Pontresina im Engadin.
