“Meine Seele ruft mich auf den Berg”

Snowboard-Olympiasieger, Skateboarder, Freigeist, Fotograf: Mit Iouri Podladtchikov ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Schweizer Sports zurückgetreten. Dank seinem künstlerischen Talent darf man auch künftig noch einiges von ihm erwarten.

Iouri Podladtchikov, Ihre Rücktrittsankündigung kam für viele überraschend. Wie lange hat dieser Entscheid zuvor bei Ihnen gereift?
Es hat rund ein Jahr lang gereift. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Karriereende war vergleichbar mit einem letzten grossen Auftritt: sehr emotional – oder wie bei einer Liebesbeziehung, die zu Ende geht. Nur, dass ich nun permanent daran erinnert und darauf angesprochen werde.

Ist es somit hinderlich, wenn man im Rampenlicht steht und stets nach dem Weshalb gefragt wird – oder kann dies auch hilfreich beim Prozess des Verarbeitens sein?
Als ich meine Entscheidung im kleinen Kreis bereits angedeutet hatte, erhielt ich einige Tipps. Man riet mir, nicht einfach zu verschwinden; im Sinne von «okay tschüss, ich gehe dann mal auf eine einsame Insel.» Dies war eh nie mein Stil, ich bin ziemlich masochistisch veranlagt.

Masochistisch? Inwiefern?
Jeder Extremsportler hat diese Veranlagung. Jeder, der zum ersten Mal auf dem Skateboard steht und dem das Board ans Schienbein knallt, denkt sich «wieso nur macht ihr das freiwillig…?» Ein absurder Schmerz, und beim Skaten geschieht dies täglich.

Sie haben gesagt, mit Ihrem Rücktritt hätten Sie quasi gegen Ihren eigenen Körper entscheiden. Wie meinen Sie das?
Leider gewöhnt sich der Mensch an alles. Einmal in einem Muster, ist es enorm schwierig, sich wieder davon zu lösen. Mein Rücktritt ist etwas, das ich so noch nie gemacht habe. Mein Rhythmus ändert sich komplett. Im Gegensatz zur halben Tierwelt, die sich in den Winterschlaf begibt, sobald es ein wenig nach Winter riecht, ist bei mir das Gegenteil der Fall: Ich
werde unglaublich aktiv und mein Energielevel steigt rasant. Seltsam, dass mich Kälte massiv mehr aktiviert als Wärme.

Somit ändert sich Ihre tägliche Routine und auch die Tagesstruktur schlagartig. Kann dies gefährlich sein?
Es ist enorm gefährlich. Mein Körper hat eine dermassen innige Beziehung mit diesem Sport, das kann ich nicht vernachlässigen. Diese Woche war ich in den Bergen, und in der Gondel wurde ich gefragt, was ich denn hier mache, ich hätte ja aufgehört zu Snowboarden. Fragen, die man nicht erwartet. Ist es denn so überraschend, dass man nicht von heute auf morgen damit aufhören kann, was man ein Leben lang gemacht hat? Vermutlich wie bei einer Drogenabhängigkeit – der Körper lässt eine radikale, schlagartige Abstinenz gar nicht zu. Alles, was
entfernt nach Gipfel aussieht, weckt meine Sehnsucht. Meine Seele ruft mich richtiggehend auf den Berg. Und dort angekommen, ist alles wieder in Ordnung.

Die Berge sind für Sie mehr als einfach ein Sportgerät. Welche Beziehung haben Sie zu ihnen?
Es ist eine seelische Beziehung, eine Verbindung. Einen Teil meiner Kindheit verbachte ich in Holland, wo alles bekanntlich einfach nur flach ist. Als ich dann erstmals in der Schweiz in
die Berge reiste, war dies, wie wenn der leibhaftige Weihnachtsmann vor mir steht – ein prägender, magischer Moment. Der Berg enttäuscht dich nie, selbst an Schlechtwettertagen. Er ist stets mystisch, extrem kraftvoll.

Welcher Ort in der Schweiz symbolisiert für Sie diese Magie am meisten?
Ganz kitschig gesagt: Zermatt. Es gibt keinen vergleichbaren Ort. Leider enorm aufgeblasen, aber magisch. Auch meine Erstbesteigung des Matterhorns war ein aussergewöhnliches
Erlebnis. Mir war übrigens gar nie bewusst, dass die Toblerone die Form des Matterhorns hat. Offenbar ist die Faszination dermassen gross, dass die Menschen diesen Berg verzehren wollen. Dies hat beinahe etwas Kannibalistisches. (lacht).

© Iouri Podlatchikov

Witzig, dass Sie gerade das Matterhorn erwähnen – Sie waren ja schon überall.
Es tut mir leid, dass ich keine Bijou-Tipps auf Lager habe. Allerdings steht auf meiner To Do Liste schon ewig lange Megève in den Savoyer Alpen. Vielleicht hat sich die Gemeinde in der Zwischenzeit gewandelt, aber ich denke sie gehört nach wie vor zu diesen pittoresken Bijous in den Alpen. Natürlich war ich schon oft in idyllischen Ortschaften in den Alpen, wie zum
Beispiel in Cortina d’Ampezzo in Venetien – unvergleichbar. Wie auch gewisse Unterkünfte in Avoriaz in den französischen Alpen. Bezaubernd.

Haben Sie sich jemals rein als Snowboarder definiert?
Eigentlich bin ich Skateboarder. Als ich das Snowboarden für mich entdeckt hatte, war es schlicht zu kalt um zu skaten. Ich bin ein hundertprozentiges Stadtkind, habe noch nie in
den Bergen gelebt. In einem gewissen Sinne ist ein «Zürich-Kind» ja nicht wirklich ein Stadtkind, schliesslich sind wir hier von Bergen umgeben und in lediglich 45 Minuten im
Hoch-Ybrig. Skateboarden ist primär ein Lifestyle, man fährt nur dann nicht, wenn der Belag nicht geteert ist – «Asphalt-Kinder» halt.

Passt dieser Lifestyle zu Ihrem Künstler-Dasein?
Während eines Dinners am Zurich Art Weekend habe ich den Künstler Cyprien Gaillard kennengelernt. Unser Gespräch drehte sich zwar um Kunst, aber auf einem völlig eigenen, anderen
Niveau – Gaillard ist ebenfalls Skateboarder. Unter Skateboardern herrscht eine ganz spezielle Verbindung, eine eigene Sprache und Kultur. Viele Personen, die sich in der Kunstszene bewegen, sind manchmal sprichwörtlich weit weg vom Ball, als ob sie noch nie einen Sportanlass verfolgt haben. Sie sprechen eine andere Sprache.

Im konkreten, wie auch übertragenen Sinn sprechen Sie hingegen mehrere Sprachen. So haben Sie beispielsweise Ballettunterricht besucht.
Im Team definierten wir den perfekten Sprung als weich, natürlich, fliessend – als Feder. Die Halfpipe ist hart, Eis ist hart, die Snowboardkante ist hart. Doch alles was zählte war «feather, feather, feather». Ich bin wollte diese Leichtigkeit, dieses lockere Schweben um jeden Preis erlangen. Und Ballett ist die härteste Auseinandersetzung mit dem Körper überhaupt. Im Sport geht es stets um dieses Körperbewusstsein – und im Ballett gehst du bis an die absolut äussersten Grenzen.

… also haben Sie diese ästhetische Feinheit in Ihre Sprünge integriert.
Meine grösste Errungenschaft war wohl, dass ein Sportkommentator ein Jahr nach dem Ballettunterricht gesagt hat, man sehe, wie dies meine Sprünge beeinflusst hat. Obwohl es leicht
und filigran wirkt, braucht es enorm viel Kraft. Richtig umgesetzt, wirkt die eingesetzte Kraft eben wie eine Feder. Ich hoffe, diese Leichtigkeit wird mich ein Leben lang begleiten.

Ihr ehemaliger Trainer Marco Bruni sagte einmal, wenn Sie morgen mit dem Spitzensport aufhören müssten, wüssten Sie bereits übermorgen, was Sie stattdessen machen. Behielt er recht?
Das Ziel vermutlich schon, der Weg dorthin vielleicht nicht. Obwohl, damals bei Olympia war der Weg ja ebenfalls nicht vorgegeben. Wenn Olympia ein «körperliches Ziel» war, dann liegt der jetzige Fokus auf einem «geistigen Ziel». Geist ohne Körper geht allerdings nicht, denke ich.

Sie waren sehr oft in den Medien. Wie wollen Sie weiterhin im Rampenlicht bleiben?
Wenn wir nun von einem künstlerisch-geistigen Weg sprechen, hilft mir das Rampenlicht in keiner Weise.

Schon lange haben Sie sich hinter der Kamera genauso wohl gefühlt wie in der Halfpipe. Wie kam es zu dieser Passion?
Das Fotografieren hat mich während der gesamten Karriere begleitet. Ein Portrait ist oft eine Mini-Ode an die diese Person, und ich liebe es, eine solche Hommage zu kreieren.

© Iouri Podlatchikov

Im Juni erschien Ihr drittes Buch «Suddenly Last Summer» mit 21 Portraits. Erzählen Sie uns ein wenig darüber.
Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich dieses Buch in dieser schwierigen Zeit habe machen können. Dass Julia einen Text für mein Buch verfasste, ging mir auch sehr nahe. Die Woche, in der das
Buch entstand, war sehr intensiv. Jedes Portrait dauerte mehrere Stunden.

Ist der Blick durch die Linse auch eine Art, sich selber besser zu erkennen?
Für Dinge, die mir wichtig sind, möchte ich mir alle Zeit der Welt nehmen. Ich denke, jede Beschäftigung mit Herzensangelegenheiten hilft uns, sich selber besser zu verstehen.

Sie eignen sich nicht wirklich für Schubladisierungen. Dennoch wurden Sie oft mit einem Label versehen, oder?
Ja… Immigrant, Sohn russischer Akademiker, Olympiasieger, wie auch immer man mich betiteln will. Meine Herkunft wird in den Medien oft instrumentalisiert, wie es der
Zeitung gerade am besten in den Kram passt.

Zum Beispiel?
Früher startete ich für Russland, dann für die Schweiz. Ich hatte nie etwas mit Nationalstolz am Hut, wurde für die Schweiz Olympiasieger und gewann vier WM-Medaillen. Doch ich
wurde stets gefragt, ob ich Russland oder die Schweiz lieber habe, ob ich mich mehr als Russe oder Schweizer fühle. Seit ich 17 Jahre alt bin, wurde ich stets mit diesen Fragen konfrontiert.
Genau genommen sind solche Fragen zu stellen im 2020 nicht mehr denkbar und unkorrekt.

Würden Sie rückblickend in Ihrer Karriere alles nochmals gleich machen?
Zu 100 Prozent. Ausser, dass ich mich allenfalls noch mehr fokussieren würde. Während meiner Karriere richteten sich die Resultate oft genau danach. Ja, falls ich etwas gelernt habe, dann
dies: Mache nie zwei Sachen gleichzeitig. Ich habe nach wie vor täglich Probleme damit, mich auf etwas voll und ganz zu fokussieren. Ich könnte mich hier immer noch steigern; alle
Energie auf eine einzige Sache lenken. In meiner Karriere war dies einige Male der Fall – das absolute Fokussieren, der perfekte Sprung. Dieses Gefühl ist atemberaubend; kein Sex, kein
Erlebnis, nichts kommt dem auch nur ansatzweise nahe.

…das Extreme und das Exzessive. Werden Sie es vermissen?
Es war schon immer «live fast»… Verglichen mit den meisten Mitmenschen bin ich wohl immer noch nicht wirklich ruhig. Zumindest aber schon viel ruhiger als noch im letzten Januar. Ich gebe mir sehr viel Mühe. (schmunzelt)

© Elisha Schuetz

IOURI PODLADTCHIKOV
Iouri Podladtchikov, Sohn eines Geophysikers und einer Mathematikerin, wurde am 13.09.1988 in Podolsk, Russland, geboren.
Er startete erstmals 2006 an den Olympischen Spielen in Turin, damals noch für den russischen Verband. 2007 wechselte Podladtchikov den Verband und fuhr alsdann
für die Schweiz. Bei den Olympischen Winterspielen 2010 belegte er den vierten Platz, anschliessend gewann er unter anderem vier WM-Medaillen sowie OlympiaGold in der Halfpipe. Ab 2017 verfolgte ihn das Verletzungspech: Kreuzbandriss, SchädelHirn-Trauma, Magengeschwür, Achillessehnenriss. Am 24. August 2020 erklärte er seinen Rücktritt als Snowboader, nachdem er
im Frühling ein einjähriges Studium am International Center of Photography in New York abgeschlossen hatte. Podladtchikov hat drei Bildbände publiziert: 2017 «True Love Is Hard To Find» und «Babushka Nadja», im Juni 2020 erschien «Suddenly Last Summer».

(Elisha Nicolas Schuetz)

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