Grünes Gold am Berg
Alpin statt mediterran: Olivenbäume erobern vom Süden aus den Alpenraum – und machen so den Reben Konkurrenz.

Alpin statt mediterran: Olivenbäume erobern vom Süden aus den Alpenraum – und machen so den Reben Konkurrenz.

Wenn SchweizerInnen zur Flasche greifen, ist immer seltener Wein darin: Dessen Konsum ist gemäss dem Bund alleine 2024 um knapp acht Prozent eingebrochen. Kein Wunder, suchen immer mehr WinzerInnen und Landwirte nach Alternativen zu den Reben. Gerade Olivenbäume könnten dabei für so manchen Betrieb eine gute Option sein. Denn erstens ist die Nachfrage nach den gesunden Steinfrüchten ungebrochen. Und zweitens erschliessen die höheren Temperaturen in Zeiten des Klimawandels neue Anbaugebiete. Selbst Bergregionen rücken so plötzlich ins Rampenlicht.
Wer an Schweizer Olivenöl denkt, hat dabei wohl vor allem das Tessin im Kopf. Über 8000 Bäume sorgen in der Schweizer Sonnenstube schliesslich für eine Jahresproduktion von etwa 2000 Litern. Doch die Westschweiz holt auf: In den Kantonen Wallis, Genf und Waadt konnten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ebenfalls erste Ernten eingefahren werden, und im vergangenen September wurde in der Romandie die «Association Suisse des Producteurs d’Olives» (ASPO) gegründet. Die Mitglieder, unter ihnen Bauern, WinzerInnen und Privatpersonen, wollen allein 2026 weitere 13’000 Olivenbäume anpflanzen und so die Produktion in den nächsten Jahren stark steigern. Entgegen kommt den Initianten dabei, dass die neuen Haine mit ähnlichen Maschinen bewirtschaftet werden können wie bei den Reben.
Gleich ennet der Schweizer Grenze zeigt die Destination Südtirol eine vergleichbare Entwicklung. In der norditalienischen Region werden seit jeher mineralisch-frische Weine wie Vernatsch und Lagrein gekeltert. Doch auch dort sind Olivenbäume in den vergangenen Jahrzehnten wieder auf dem Vormarsch. Dass sich diese selbst mit Höhenluft anfreunden können, beweist etwa der Haflingerhof am Sonnenberg bei Naturns: Auf 3000 m² Anbaufläche stehen seit 2015 um die 120 Olivenbäume. Gepresst wird das Öl dann unten in Kurtatsch, wo Bauern eigens eine Ortsgruppe für die Steinfrüchte gegründet haben. Ein weiterer sehenswerter Olivenhain erstreckt sich in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff: Zur prächtigen Anlage am Stadtrand von Meran gehört ein 700-jähriger Baum – dieses knorrige Exemplar mit seinen drei Metern Stammdurchmesser stammt allerdings ursprünglich aus Sardinien.

Eine aufstrebende Spezialität ist das Olivenöl weiter im Aostatal: Klar stehen hier kulinarische Platzhirsche wie Petit Arvine, der Fontina-Käse oder der Jambon de Bosses im Vordergrund. Doch in Zeiten des Klimawandels werden brachliegende Terrassen mittlerweile ebenfalls wieder mit Ölbäumen bestückt. 2021 wurde ein entsprechender Bauernverband mit etwa 80 Mitgliedern gegründet, der den Bestand und die Produktion weiter etablieren will. Gegenwärtig pflegen die Landwirte im Aostatal mehr als 3000 Olivenbäume. Verarbeitet werden die Früchte momentan zwar noch im nahen Piemont, eine eigene Ölmühle in der Gemeinde Donnas ist aber bereits geplant.
Nach der Weinlese werden in Slowenien ebenfalls eifrig Oliven geerntet. Die grössten Anbauflächen befinden sich dabei in der Region Istrien, wo leicht bittere und pikante Öle gepresst werden. In Goriška Brda, im Vipava-Tal und im Karstgebiet treffen BesucherInnen gleichfalls auf die Ölbaumgewächse. Wer tiefer in die Thematik eintauchen möchte, findet in der Destination verschiedene Aktivitäten rund um die Steinfrüchte. So führt zum Beispiel die «Vintage Gourmet Tour» mit Oldtimern durch die istrischen Ölplantagen. TeilnehmerInnen lernen unterwegs die verschiedenen Sorten der Region kennen, besuchen eine Ölmühle, testen Kosmetikprodukte aus Olivenkernen und degustieren dazwischen immer wieder mal vom grünen Gold. Eine andere Variante ist der Einsatz als ErntehelferIn: Mit Netz und Harke ausgerüstet, können engagierte Gäste etwa auf dem Ferienbauernhof Tonin oder auf dem Olivenbauernhof Jerko anpacken.
