Steht man auf dem freistehenden lachsrosa Kirchturm von Kastelruth, sieht man es. Wie so vieles, denn das barocke Wahrzeichen ist 82 Meter hoch. Den Turm, das sei gesagt, erklimmt man nicht auf eigene Ferse, sondern heftet sich an jene des fachkundigen Turmwarts Oswald Tröbinger. Trotz gesetzten Alters steigt er die Treppe in gemsartiger Wendigkeit empor. Wie oft er die 298 steilen Stufen schon genommen hat? «Hunderte Male», sagt er lachend. Zurück zu dem, was man vom wolkenküssenden Turm aus erblickt – nebst der idyllischen Landschaft: das Haus von Hubert Kostner, auf einem Bergrücken am Rand des historischen Stadtzentrums.

Im alpinen Ortsbild sticht es heraus wie eine einzelne Palme unter Tannen. Wegen dem Haus bleiben die Touristen aus, befürchtete der damalige Tourismusverantwortliche. Schliesslich kam es genau umgekehrt: die Menschen kamen gerade wegen des Hauses. Innert zehn Jahre hat die Witterung das hölzerne Gewand der sich verschneidenden Zwillingsbauten abgedunkelt, die miteinander verbunden sind und auf einem Betonsockel thronen. «Ich wollte eigentlich ein viel normaleres», bemerkt Hubert Kostner schulterzuckend, während er seinen Wirkungs- und Wohnort betritt, «aber es hat sich so ergeben». Drinnen dann kurven die Pupillen um seine Projekte wie ein Slalomfahrer um die Tore im benachbarten Skigebiet Seiser Alm.

Das Atelierhaus von Hubert Koster im Bergdorf Kastelruth.
Wie ein Hochsitz am Hang: Das Atelierhaus von Hubert Koster im Bergdorf Kastelruth. © Niccolò Gandolfi

Inspiration vor der Haustür

«Holz ist mein Werkstoff, mit dem ich mich am besten auskenne und in dem ich handwerklich mit dem Abschluss als Meister ausgebildet bin, aber jedes andere Material ist gleichwertig», so der denkende Künstler und künstlerische Denker. «Es kommt immer darauf an, was ich aussagen will und wie ich es am besten umsetzten kann», fügt er an, während der Blick über Hund gewordene Hocker, totempfahlähnliche Türme, als schwarz-weisse Gemälde verewigte Spuren im Schnee gleitet, zu Krapfen aus Gold abbiegt und schliesslich bei den abstrahierten Grödner Holzfiguren verharrt.

Auch Hubert Kostner bog ab, als er nach seiner «familiär bedingten» Ausbildung zum Holzbildhauermeister mit 27 Jahren die Akademie der Bildenden Künste in München absolvierte. «Da hat es sich so ziemlich geändert.» Damit meint er, dass die Spur des rein klassischen Schnitzens verliess und sich zeitgenössisch-konzeptioneller Kunst widmete. Er setzt sich mit dem auseinander und schöpft aus dem, was ihn unmittelbar umgibt: Kletterseile, Skilifte, Scherenschnitte, Postkarten, Plastikflaschen, Erotikkalender. «Wohnte ich am Meer, würde ich wohl andere Sachen machen.»

Hubert Kostner in seinerAtelierwerkstatt.
«Die Berge geben mir Raum für Inspiration»: Hubert Kostner in seiner Atelierwerkstatt. © Daniela Dambach

Aus Altem Neues herausschnitzen

Inspiration aus nächster Nähe ist manchmal noch näher, als man vermutet – das kann auch Mutters Küche sein. Wer durch Kastelruth schlendert, übersieht sie nicht auf dem Platz der Bankfiliale: die Skulptur zweier überdimensional grossen Krapfen aus Aluminium mitsamt Rezept. Als Vorlage diente ein ofenfrisches Original der Südtiroler Spezialität, welche er gescannt, gestaltet und in Metall gegossen hat. «Plus und minus, Soll und Haben muss stets aufgehen», erklärt er, während er einen Miniatur-Krapfen aus Gold in der rechten Hand wiegt, «eher so eine intellektuelle Geschichte …», bemerkt er, «wobei auch der Spass nicht zu kurz kommen soll.» Daher rührt wohl der ironische Unterton, der seine Werke umspielt. Zum Projekt gehört auch die Vergabe von Patenschaften für Setzlinge einer fast vergessenen alten Birnensorte, die gebräuchlich ist für die Füllung der Gebäcke. Hubert Kostner konserviert eigentlich Vergängliches und verändert eigentlich Konservatives – wie etwa die Grödner Holzfiguren, die er schneidet, hobelt, stapelt, verleimt oder bemalt.

So viel wegnehmen, dass das Alte bleibt und zugleich das Neue zum Vorschein kommt, lautet die Gratwanderung. «Ich kenne mich in meiner Heimat aus und weiss, wie die Dinge hier funktionieren. Ich möchte es aber nicht dabei belassen, es zu wiederholen, sondern meinen eigenen Senf dazugeben», sagt er augenzwinkernd. Seine Auseinandersetzung mit dem Nahen wirkt bis in die Ferne verbindend, sowohl zwischen Tradition und Trend, Nostalgie und Neuzeit, aber auch zwischen den Menschen: Eine der beiden Skulpturen, die im kommenden Jahr am Kronplatz Form annimmt, ist partizipativer Natur: Sie entsteht durch Mitwirken der Besuchenden.

Es scheint, als wären die Gedanken von Hubert Kostner unterwegs auf einer Slalomabfahrt, bei der es keinen Zielbogen gibt. Als würde derweil stets ein neues Tor im heimatlichen Boden verankert, das es zu avisieren gilt, sodass der Geist neuen Schwung aufnimmt.

Vorgemerkt

Im Frühjahr 2026 entsteht im Messner Mountain Museum Corones am Südtiroler Kronplatz ein neues Kunstprojekt in Zusammenarbeit mit dem Brixener Künstler Hubert Kostner. Seine erste Installation ist dort ab Ostern 2026 zu sehen. Eine weitere Skulptur folgt im Lauf des Jahres – an deren Entstehung können die Besuchenden selbst mitwirken.