Dominique Weissen Abgottspon, Geschäftsführerin des «Netzwerk Schweizer Pärke», über Gratwanderungen wie Naturerlebnis und Nachhaltigkeit oder Biodiversität und Wertschöpfung.

Frau Weissen Abgottspon, Sie sind seit fünf Jahren «Netzwerk»-Geschäftsführerin – wie hat sich die Schweizer Pärkelandschaft in dieser Zeit verändert?

Die Pärke konnten sich etablieren. In den meisten regionalen Naturpärken erfolgte in den letzten fünf Jahren die Abstimmung, die alle zehn Jahre über eine Vertragserneuerung mit den Parkgemeinden befindet. Die Resultate der Abstimmungen waren sehr erfreulich: Praktisch alle bisher beteiligten Gemeinden wollen weiterhin im Park bleiben, einige Pärke konnten ihren Perimeter erweitern. Dieses klare Bekenntnis der Bevölkerung ist nicht nur ein Vertrauensbeweis für die bisher geleistete Arbeit der Naturpärke, sondern bekräftigt sie auch in ihrer Stossrichtung im Bereich nachhaltige Entwicklung. Und neue Pärke gibt es auch: Mit dem Parc naturel du Jorat gibt es neben dem Wildnispark Zürich einen zweiten Naturerlebnispark der Schweiz, dank dem Parco Val Calanca sind wir nun auch in der italienischsprachigen Schweiz präsent und nächstes Jahr wird mit dem Parc de la Vallée du Trient auch das Unterwallis seinen Park haben.

Sie leiteten zuvor den Landschaftspark Binntal. Begegnen Sie auf nationaler Ebene nun denselben Herausforderungen?

Es geht immer darum, wie wir Regionen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen können. Als Geschäftsleiterin des Landschaftsparks Binntal war ich direkt verantwortlich für die Umsetzung von Projekten und sehr nah an der Bevölkerung, den Gemeinden. All die Akteure in einem Park für die gute Sache ins Boot zu holen, ist eine Knochenarbeit und nicht immer einfach. Bei meiner jetzigen Tätigkeit geht es darum, die Pärke in ihren Aufgaben zu unterstützen, sich für gute Voraussetzungen einzusetzen. Die tägliche Arbeit ist eine andere, aber die Herausforderungen, mit denen sich die Pärke befassen, betreffen auch meine Tätigkeit: Wie umgehen mit dem zunehmenden Druck auf Natur und Landschaft, mit dem Klimawandel? Was können wir tun, dass in den Randregionen Wertschöpfung generiert werden kann, dass die Bevölkerung nicht abwandert?

Gut geschützt durch hohe Bergkette: Steinböcke im Parco Val Calanca. © Mario Theus, Palorma GmbH
20 Pärke gehören heute zu Ihrem Netzwerk – gibt es weitere heisse Anwärter?

Aktuell gibt es keine Anwärter. Bis vor kurzem gab es im Baselbiet ein Naturparkprojekt, eine wunderschöne Region, die das Potenzial zum Park gehabt hätte. Es gab aber nicht genügend Gemeinden, die dem Park zugestimmt haben und das Projekt wird nicht weiterverfolgt. Ich bedaure dies natürlich. Aber grundsätzlich finde ich es gut, dass Pärke demokratisch legitimiert werden müssen. Die Bevölkerung und die Gemeinden müssen den Park und die Zusammenarbeit untereinander wirklich wollen, nur so können gute Projekte realisiert und langfristig gesichert werden.

Was muss eine Region denn leisten, um das Label «Park von nationaler Bedeutung» vom Bund zu erhalten?

Die Region muss über hohe natürliche und landschaftliche Werte verfügen und die Bevölkerung und die Behörden müssen die Parkidee unterstützen. Dann muss die Region im Rahmen einer Kandidaturphase beweisen, dass sie das Potenzial der Region nutzen kann und ein funktionierendes Management hat. Schliesslich muss der Parkkandidat eine Charta einreichen, einen sehr umfassenden Businessplan, in welchem die Trägerschaft aufzeigt, mit welchen Projekten sie den Park in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln will. Und erst nach der Prüfung dieser Unterlagen verleiht der Bund das Label.

Bekannt für den idyllischen Lac de Joux: der Parc Jura vaudois. © Schweiz Tourismus, Roland Gerth
Der erste Schweizer Park wurde 1914 gegründet, das «Netzwerk» gibt es erst seit 2007 – warum so spät?

Der Schweizerische Nationalpark blieb während fast hundert Jahren der einzige Park in der Schweiz. 1980 wurde eine eigene rechtliche Basis für den Nationalpark geschaffen. Die rechtlichen Grundlagen für die «Pärke von nationaler Bedeutung» und die neuen Parkkategorien wurden erst 2007 mit der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes gelegt. Mit dem neuen Gesetz kam Dynamik in die Pärkelandschaft und die Vertreterinnen und Vertreter der Parkprojekte gründeten das Netzwerk.

Ihr Verein setzt sich für den Wiederaufbau natürlicher Lebensräume ein. Wie gelingt das konkret?

Tiere und Pflanzen brauchen genügend grosse Lebensräume und eine durchlässige, strukturreiche Landschaft. In den Pärken werden diesbezüglich zahlreiche Projekte umgesetzt: Errichtung von Hecken und Kleinstrukturen, Sanierung von Trockenmauern, Aufwertung von Quelllebensräumen und Biotopen, Renaturierungen und die Förderungen der extensiven Nutzung von Weiden, Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum. Als Netzwerk unterstützen wir die Pärke bei diesen Projekten, indem wir beispielsweise den Erfahrungsaustausch der Pärke untereinander fördern.

Intakte Dorfbilder, glasklare Bergseen: der Bünder Naturpark Beverin. © Schweiz Tourismus, BAFU
Soll und kann die Fläche der Schutzgebiete in den Pärken erhöht werden?

Das ist erstrebenswert, dafür müssen jedoch viele Akteure an einem Strick ziehen. Die Pärke haben oft eine wichtige Funktion als «Kümmerer» der Naturschutzgebiete, zum Beispiel, wenn sie Rangerinnen und Ranger anstellen, welche die Gäste sensibilisieren.

Wie unterscheiden sich Flora und Fauna in den verschiedenen Regionen?

Es gibt Pärke in tiefen und hohen Lagen, Pärke im Jura, Mittelland und im Alpengebiet. Die Flora und Fauna sind so vielfältig und unterschiedlich, wie es die Pärke selbst sind!

Welche neuen Projekte gibt es, um die Artenvielfalt in den Pärken zu erhalten?

Im Bereich der Förderung der Biodiversität im Siedlungsgebiet ist in den letzten Jahren viel passiert: Private Gärten, die Schulhausumgebungen, öffentliche Flächen der Gemeinden werden sichtbar vielfältiger. Dringlich und wichtig geworden in den letzten Jahren ist in allen Pärken die Bekämpfung von Neophyten.

Reich an Mineralien: der Landschaftspark Binntal im Oberwallis. © Schweiz Tourismus, BAFU
Sie arbeiten eng mit der Vogelwarte zusammen – warum liegt der Fokus gerade auf dieser Tierart?

Es geht bei der Zusammenarbeit mit der Vogelwarte einerseits um den Schutz der Vogelarten und um ein gemeinsames Engagement für vielfältige Lebensräume. Die Pärke und die Vogelwarte ergänzen sich gut. Die Pärke können in den Regionen Projekte initiieren und umsetzen. Die Vogelwarte kann die Pärke dabei fachlich beraten und unterstützen.

Auch Menschen leben in den Pärken; Verstehen Sie diese als Teil der Naturlandschaft?

Es geht in den Pärken um das Miteinander von Mensch und Natur. In den Pärken werden die Natur und Landschaft als Lebensgrundlagen geschätzt und geachtet. So steht es auch in den gemeinsam von den Pärken formulierten «Werte der Schweizer Pärke».

Streng geschützte Wildnislandschaft: der Schweizerische Nationalpark. © Hans Lozza
Welcher Stellenwert hat die Pflege der Kulturlandschaften in den Pärken?

Die Pflege der Kulturlandschaften hat einen hohen Wert. Diese machen die Identität der Pärke aus. Die Parkträgerschaften unterstützen auch oft im Rahmen von Freiwilligeneisätzen beim Erhalt von Elementen, die die Kulturlandschaft ausmachen, beispielsweise Trockenmauern, Hochstammobstbäume, Hecken, traditionelle Holzzäune oder bei der Offenhaltung von Wiesen und Weiden durch Entbuschungen.

Wie möchten Sie die Bevölkerung für eine nachhaltige Entwicklung in diesen Gebieten sensibilisieren?

Die Bevölkerung wird in die Projekte einbezogen, sie wirkt aktiv mit. Zudem haben alle Pärke zusammen «7 Werte» entwickelt, in denen sie formulieren, was das Engagement für nachhaltige Entwicklung konkret bedeutet. Partnerunternehmen in den Schweizer Pärken tragen diese Werte mit und begeben sich zusammen mit der Parkträgerschaft auf den Weg der kontinuierlichen Verbesserung.

Grösster Naturpark der Schweiz: der Parc Ela im Graubünden. © Schweiz Tourismus, BAFU
Auch Tourismus bringt Wertschöpfung, aber soll Flora und Fauna nicht gefährden. Wie gelingt dieser Spagat?

Genau, der natur- und kulturnahe Tourismus ist, neben den regionalen Produkten, oftmals einer der wichtigste Wirtschaftspfeiler in den Parkregionen. Ziel dabei ist, dass Tourismusund Freizeitaktivitäten in den Pärken eine positive Wirkung auf die Bewohnenden und die Gäste, die Kultur und die lokale Wirtschaft haben bei gleichzeitiger Erhaltung und Aufwertung von Natur und Landschaft, was auch in der «Tourismusvision Schweizer Pärke 2030» festgehalten ist.

Welche soziokulturellen Angebote organisieren Sie für Gäste?

Alle Pärke bieten Angebote, wo die Gäste in Kontakt mit den Einheimischen kommen, wie z. B. mit Guides, Produzenten von Lebensmitteln oder Handwerk, Gastgebern, Köchinnen und Postauto-Fahrerinnen, die gerne spannende Geschichten aus der Region erzählen. Solche Geschichten wurden in der kulinarischen Schnitzeljagd «Savurando» zusammengestellt, sodass die Gäste auf einem Tagesausflug vieles erfahren, während sie von einem Produzenten zum anderen wandern und jeweils feine regionale Produkte geniessen können.

In welchen Pärken trifft man Sie diesen Sommer an?

Geplant sind Ausflüge an den Lac de Joux im Parc Jura vaudois und eine Wanderung im Naturpark Gantrisch. Zudem wohne ich im Landschaftspark Binntal – und habe somit das Paradies praktisch vor der Haustüre.


Zur Person: Seit Sommer 2020 ist Dominique Weissen Abgottspon die Geschäftsführerin des «Netzwerk Schweizer Pärke». Zuvor war die 53-jährige Walliserin Geschäftsführerin des Landschaftsparks Binntal, den sie zur Anerkennung als Naturpark von nationaler Bedeutung führte. Zudem wirkte sie bereits in verschiedenen Aufgaben beim «Netzwerk Schweizer Pärke» mit, unter anderem als Vorstandsmitglied. Vor ihrer Zeit bei den Schweizer Pärken hatte sich die gelernte Buchhändlerin in der Privatwirtschaft als Geschäftsführerin einer grossen Buchhandlung engagiert.

© zVg

Über das «Netzwerk Schweizer Pärke»: Das Netzwerk Schweizer Pärke ist der nationale Dachverband aller Pärke und Parkprojekte der Schweiz. Es vertritt die Pärke politisch auf Bundesebene, in nationalen Kooperationen und internationalen Verbänden. Das Netzwerk fördert die positive Wahrnehmung, die Bekanntheit, die Identität und fachliche Entwicklung der Pärke. Es führt für die Pärke verschiedene Projekte zu Geoinformation, Tourismus, Landschaft oder Bildung durch.