Beziehungsstatus: “kompliziert”

Wölfe haben wie kein anderes Säugetier die unterschiedlichsten Lebensräume besiedelt. Doch stets war der Mensch sein grösster Feind. Die Kontroverse um das Raubtier hat eine lange Vorgeschichte. 

Kein Wunder – seit der Antike haftet dem Wolf ein ziemlich übles Image an. Während er in der chinesischen Mythologie als Symbol der Grausamkeit und Unersättlichkeit stand, wurde er in den indischen Mythen als böse und dämonisch dargestellt. In der «Edda», dem nordischen Götter- und Sagenbuch, erschien er als kampfeslustiger Begleiter des Kriegsgotts Odin, oder als Skalli und Hati (die Namen stehen für Schatten und Hass) beschrieben, welche den nordischen Mythen gemäss die Sonne und den Mond über das Himmelsgestirn jagten. Der Fenriswolf spielte indes beim Weltuntergang Ragnarök eine entscheidende Rolle.

SINNBILD DES BÖSEN

In Skandinavien, Osteuropa und Russland zählte der Teufel «himself» gar als Schöpfer des Wolfes – und das reissende Raubtier somit als Sinnbild des Bösen. Schliesslich werden in der
Bibel ja auch die Schafe als Symbol für den gläubigen Menschen verwendet; ergo ist der Wolf deren natürlicher Feind. Alles wenig schmeichelhafte Assoziierungen. Da nehmen sich «Rotkäppchen» oder «Der Wolf und die Sieben Geissen» schon fast bescheiden aus. Allerdings bezeichnete selbst Grimm (1887) den Wolf als das böseste aller Tiere.

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SYSTEMATISCHE VERFOLGUNG

Man kann die Beziehung zwischen Mensch und Wolf somit getrost als leicht vorbelastet bezeichnen. Doch die Ausrottung des Wolfes in der Schweiz im Laufe des 19. Jahrhunderts war nicht
primär auf diese Schauermärchen zurückzuführen, sondern auf den Konflikt mit der Nutztierhaltung. Wölfe wurden in Mitteleuropa bereits ab dem 15. Jahrhundert systematisch verfolgt. Als Folge der unkontrollierten Jagd und der massiven Rodung der Wälder wurde Mitte des 19. Jahrhunderts der Bestand der Schalenwildbestände drastisch reduziert, Steinbock und Hirsch vollkommen ausgerottet, und der Wolf hatte schlicht kaum mehr natürliche Beutetiere zur Verfügung – und musste auf die Nutz- und Haustiere ausweichen.

VORPROGRAMMIERTER KONFLIKT

Der Konflikt mit dem Menschen war damit vorprogrammiert. In der Folge hatte in der Schweiz quasi jeder das Recht – wenn nicht sogar die Pflicht – das lästige Raubtier zualpen in Frankreich und Italien. Doch auch als «Tourist» ging es dem Raubtier an den Kragen; zwischen 1947 und 1990 wurden immer wieder einzelne Exemplare erlegt. Interessantes Detail: zwei dieser Wölfe hatten komplett abgestumpfte Zähne, was entweder auf Ausbrüche aus Gehegen oder absichtliche Freilassungen hinwies. Denn rotz allem genoss der Wolf bei einigen Menschen auch stets
gewisse Sympathien.

ALLEN WIDRIGKEITEN ZUM TROTZ

Nachdem 1995 in den Tälern Ferrets und d’Eremont des Wallis ein – offensichtlich erstmals wieder einheimischer – Wolf etliche Schafe gerissen hatte und deshalb erlegt wurde, haben genetische Untersuchungen ergeben, dass dieser Wolf identisch mit jenen einer italienischen Population war. Diese hatte zuvor begonnen, bis in die westlichen Alpen vorzustossen. Und offensichtlich war dieser Wolf nicht alleine in der Schweiz: Zwischen 2002 und 2009 wurden insgesamt vier Weibchen im Land gesichtet (und eines davon abgeschossen), bevor es 2012 zur ersten «offiziellen Paarung» von einem eben diesen Weibchen mit einem Rüden in der Calanda-Region im Graubünden kam. Das erste Wolfrudel in der Schweiz seit langer Zeit war Tatsache.

FORTSETZUNG FOLGT

Allen Widrigkeiten zum Trotz leben inzwischen sieben bis neun Wolfsrudel in der Schweiz – die rund 80 Tiere haben sich im Wallis, in den Bündner Tälern, im Hinterland von Bellinzona,
in den Tälern der Nordalpen vom Pays d’Enhaut bis ins St. Galler Oberland, rund um den Säntis und in den Wäldern des Waadtländer Juras niedergelassen. Im gesamten Alpengebiet leben
sogar wieder knapp 100 Rudel mit insgesamt 1000 Tieren – primär in den Südwestalpen Frankreichs und Italiens. Nachdem das revidierte Jagdgesetz im vergangenen September
vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt wurde, setzt die Politik nun darauf, die Konflikte mit dem Wolf gezielt und pragmatisch zu lösen. Bereits wurden durch divserse Parlamentarier
Vorstösse eingereicht, die den Weg für das Zusammenleben ebnen sollen. In der komplizierten Beziehungsgeschichte zwischen Mensch und Wolf ist das letzte Kapitel also noch lange
nicht geschrieben.

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DER WOLF (CANIS IUPUS)

Der Wolf war ursprünglich (vor der Ausbreitung des Menschen und der Entwicklung von Land- und Weidewirtschaft) das am weitesten verbreitete Landsäugetier der Erde. Diverse Unterarten sind seit mehr als 12’000 Jahren in ganz Europa, Nordamerika, in weiten Teilen Asiens inklusive Japans sowie auf der Arabischen Halbinsel verbreitet. Der Canis lupus ist das grösste Raubtier in der Familie der Hunde (Canidae) und er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 1,0 bis 1,6 Metern, die Schulterhöhe beträgt etwa 80 Zentimeter und einzelne Exemplare können bis zu 80 Kilogramm wiegen. Wölfe sind äusserst soziale Tiere und leben in Rudel mit starken Bindungen, wobei jedes dieser Rudel ihr eigenes Revier besitzt. In Europa gehören zum Wolfsrudel neben den Eltern und ihren Welpen meist auch Nachkommen aus dem Vorjahr. Erst wenn sie geschlechtsreif sind, verlassen sie das Rudel. Der Wolf jagt bevorzugt Rehe, Gämsen, Hirsche, Wildschweine und Elche – da es sich dabei oft kranke oder schwache Tiere handelt, trägt der Wolf auch zu einem gesunden Wildbestand bei.

WWW.GRUPPE-WOLF.CH
WWW.CHWOLF.ORG
WWW.KORA.CH

(Elisha Nicolas Schuetz)

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