Aufstieg am Atlantik
Gleich an der Küste geht es steil in die Höhe: In diesen Regionen Irlands finden Wandernde spielend ihr Gipfelglück.

Gleich an der Küste geht es steil in die Höhe: In diesen Regionen Irlands finden Wandernde spielend ihr Gipfelglück.

Der eine erinnert an die Tafelberge, der andere an alpine Gefilde. Hier thront der vielbesuchte Schottergipfel über dem Meer, da führen Passstrassen in abgelegene Gebiete: Verglichen mit Schweizer Bergen mögen die irischen Erhebungen nicht hoch wirken. Erhebend sind Wanderungen und Bergtouren auf der Insel aber allemal. Denn das nahe Meer, die zugehörigen Legenden und die Formen- und Farbenvielfalt der Hänge sorgen Schritt für Schritt für bleibende Erinnerungen. Wo man am Ozean am besten in die robusten Schuhe schlüpft, zeigen die folgenden fünf Regionen.
Nirgendwo tritt die für die irische Insel so typische Form, die einer gewölbten Untertasse gleicht, klarer zutage als im nordirischen County Down. Hier gleiten die Mourne Mountains in einer beeindruckenden Kette zum Meer hinab, viele irische Gedichte und Lieder ranken sich um sie. Kein Wunder, wurde die Region wie aus einer anderen Welt öfters als Drehort für Kino- und TV-Produktionen wie «Chroniken von Narnia» und «Game of Thrones» ausgewählt. Und erklimmt man ihre hohen und steilen Gipfel dann auf eigene Faust, könnte der Ausblick kaum grossartiger sein: Die gesamte Region der Mournes ist von Wanderwegen und Gipfelpfaden durchzogen, die von leichten Touren bis kraftraubenden Gipfelstürmen jeden Fitnessgrad ansprechen.
Unterwegs in den Mournes treffen Wandernde immer wieder auf ein imposantes Bauwerk: Die Mourne Wall zieht sich über 15 Gipfel der Kette. Ganze 31 Kilometer dieser spektakulären historischen Steinmauer aus Granit lassen sich im Rahmen einer gleichnamigen Challenge erkunden – dabei werden unter anderem sieben der zehn höchsten Berge Nordirlands angepeilt. Gemütlicher geht es derweil im Silent Valley Reservoir zu – ein pittoresker Stausee im Naturpark lädt zur Umrundung ein, an dessen Südende auch ein Besucherzentrum eingerichtet ist. Hier erhalten Wissbegierige mehr Informationen über die Geschichte der Region. Zudem wird auch die lokale Tierwelt thematisiert: So baut etwa der Wanderfalke seine Nester auf den Klippen der Mournes.

Vom Norden geht es nun in den Südwesten und damit zu weiteren Superlativen. Die höchsten irischen Erhebungen über dem Atlantik liegen nämlich in County Kerry. Mit den MacGillycuddy’s Reeks verfügt die Region dort über neun Gipfel, die weit über 900 Meter hoch sind: Es ist ein majestätischer Anblick, wenn ihre Bergrücken an klaren, sonnigen Tagen wie in blaue Tinte getaucht aus der See aufragen. Alle anderen Erhebungen überragt hier indes der Carrauntoohil, der sich auf verschiedenen Wegen erklimmen lässt. Allerdings erfordert selbst der leichteste Pfad viel Erfahrung im Bergwandern und ein gutes Orientierungsvermögen. Im Gebiet auf der Iveragh-Halbinsel finden Wandernde auch viele andere Routen mit steilen Hängen, tiefen Bergseen und weiter Sicht.
Vom Flussufer bis zum von Gletschern geformten Bergpass: Zwischen den MacGillycuddy’s Reeks und dem Purple Mountain wartet mit dem Gap of Dunloe ein weiteres irisches Wander-Highlight. Silberfarbene Felsen, grasende Schafe sowie Gewässer wie Coosaun Lough, Black Lake oder Cushnavally Lake bilden dabei eine stimmige Kulisse. Auf der insgesamt elf Kilometer langen Strecke entlang des schmalen Passes überqueren FussgängerInnen zudem auch die steinerne «Wishing Bridge». Der Name der Brücke verrät bereits, dass hier geäusserte Wünsche gemäss den Einheimischen in Erfüllung gehen sollen. In dieser aussergewöhnlichen Landschaft dürfte der eine oder andere Besucher allerdings sowieso bereits wunschlos glücklich einherschreiten.

Immer noch Wanderlust in den Waden? Im Nordwesten der Insel treffen auch in County Sligo Meer und Land auf dramatische Weise aufeinander. Wen es aufwärts zieht, findet mit dem Ben Bulben hier ein Ausflugsziel für jedes Alter und mit geringem Schwierigkeitsgrad. Aber welch eine Erscheinung ist diese in weichen, grünen Schrunden herabsinkende Majestät eines Tafelberges: Verewigt in der Dichtung von W. B. Yeats, scheint das Kalksteinmassiv mit seinen sich ständig verändernden Farbtönen eine mythische Eleganz zu haben und flankiert die Stadt Sligo weithin sichtbar bis ins Landesinnere hinein.
Legenden rund um Krieger, Prinzessinnen und Feen ranken sich um das Wahrzeichen. Dieses lässt sich etwa mit der gut elf Kilometer langen «Ben Bulben und Cloyragh»-Route erkunden: Nach dem Start bei der Luke’s Bridge geht es dabei erst durch zerklüftete Schluchten und über Bäche, bevor einen der Aufstieg auf den 526 Meter hohen Berg führt. Doch es geht auch deutlich steiler: Gerade die Südseite der Erhebung eignet sich schliesslich perfekt zum Klettern.
Und noch eine andere Heiligkeit mit vorchristlichem Mythos reiht sich in die irische Bergwelt am Meer ein: Der Croagh Patrick ragt wie ein ergrauter Riese im westlichen County Mayo auf und ist Irlands berühmter Wallfahrtsberg. Tausende von Pilgern erklimmen ihn jeden Juli zu Ehren des irischen Nationalheiligen St. Patrick, der den Berg im 5. Jahrhundert zu innerer Einkehr erwandert hat. Doch deuten auch viele Spuren entlang des steilen Aufstiegs auf keltische Ritualstätten hin. Der Ausblick vom Schottergipfel über das funkelnde Inselmeer der Clew Bay macht jede Erschöpfung vom etwa dreieinhalbstündigen Aufstieg wett. Für den Abstieg der mittelschweren Wanderung sollte man dann noch einmal etwa eineinhalb Stunden einplanen.

Zu Füssen des Croagh Patrick finden Wandernde weitere Ziele, die sich gut für Ausflüge am Wasser eignen – etwa die umliegenden Inseln von County Mayo. So können Gäste etwa auf Clare Island den Leuchtturm als Gästehaus und Ausgangspunkt nutzen – nach 159 Jahren im Dienst wurde das Areal ab 2008 behutsam restauriert und bietet seither viel Komfort. Über eine Landbrücke lässt sich zudem Achill Island erreichen. Auf einer geführten, gemütlichen Wanderung erreichen Gäste unter anderem die hohen Meeresklippen, die Hügel der Insel, den Strand von Annagh oder die Landzungenfestungen der Küste.
Als letzte Station geht es nun noch in den Osten: Leichte Wanderkost bieten dort die wunderschönen Wicklow Mountains mit ihren grünen Tälern und den schönsten Parks und Gärten Irlands. In nur 30 Minuten erreicht man den gleichnamigen Nationalpark von Dublin aus und befindet sich doch bereits in einer anderen, stillen Welt. Die Region mit ihren ockerfarbenen Bergen, den dichten Wäldern und geheimnisvollen Gewässern hat ebenfalls bereits viele Dichter und Regisseure inspiriert – von Wandernden ganz zu schweigen. Als ideale Basis bietet sich etwa Glendalough mit seinen neun ausgeschilderten Wegen an. Die Palette reicht dabei vom kurzen Spaziergang bis zum «Spinc»: Letzteres ist eine Route, die von Heidekraut bedeckte Hügel ebenso erschliesst wie einen Bergkamm mit einem Gletschersee darunter.

Wer noch länger im grössten Nationalpark Irlands unterwegs sein möchte, visiert den 30 Kilometer langen St. Kevin’s Way an: Der Pilgerweg folgt den Spuren des Heiligen aus dem 7. Jahrhundert durch die Hügel. Als höchster Punkt fungiert der Wicklow Gap, ein imposantes Passgebiet. Anschliessend folgen Wandernde dem Fluss Glendasan ins Tal von Glendalough. Noch länger ist der 130 Kilometer lange Wicklow Way. Der Fernwanderweg beginnt in einem Dubliner Vorort, um dann ins Hochland und in den Südwesten der gleichnamigen Grafschaft zu führen. Das Spektrum an Sehenswürdigkeiten reicht während der acht bis zehn Tage entsprechend von Vorstadtparks über Waldwege bis hin zu Berglandschaften mit steilen Gletschertälern.
