Anja Riedle übernahm per 1. September 2024 die Leitung des Geschäftsbereichs Personenmobilität und wurde Mitglied der Geschäftsleitung der BLS AG. Die 39-Jährige aus Zollikon leitete zuvor die Lokwerkstätten von SBB Cargo. Weitere langjährige Erfahrung sammelte die studierte Betriebswirtin und Mutter eines Sohnes in verschiedenen Führungsfunktionen bei den SBB und der Deutschen Bahn.

Anja Riedle, seit gut einem Jahr sind Sie Leiterin des BLS-Geschäftsbereichs Personenmobilität. Wo konnten Sie in dieser Zeit Impulse setzen?

Am Anfang von jeder Führung steht für mich die Beziehungsebene: Sie soll wertschätzend und auf Augenhöhe stattfinden. Einen autoritären, hierarchischen Führungsstil halte ich nicht für wirksam; zudem entspricht er mir persönlich nicht, und ich würde dadurch wohl wenig authentisch wirken. Gleichzeitig ist für mich gegenseitiges Vertrauen das A und O. Zudem setze ich den Fokus auf die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Geschäftsmodellen der Personenmobilität – also dem Regional- und dem Fernverkehr der Bahn, der Schifffahrt, dem Busbetrieb und dem Autoverlad. So konnten wir in diesem Jahr bereits neue Synergien nutzen.

Zentral ist für mich, dass die BLS zukunftsfähig bleibt. Deswegen ist mir ein Klima der Offenheit und Neugierde wichtig, weil ich überzeugt bin, dass so Lernen und dadurch Entwicklung möglich ist. Ich orientiere mich dabei an den Stärken der Mitarbeitenden. Wenn jeder machen darf, was ihm Spass macht, ist er oder sie motivierter und wirksamer. Davon profitieren auch das Arbeitsklima und die Ergebnisse.

Sie haben zuvor die Lokwerkstätten von SBB Cargo im Rangierbahnhof Limmattal geleitet. Erleben Sie grosse Unterschiede im Management von Gütern und Reisenden?

Auch wenn die Inhalte und der Kontext sich unterscheiden, so bleiben gewisse Dinge immer gleich: Es geht um die Zusammenarbeit mit Menschen und gegenseitiges Vertrauen. Es geht darum, dass man gemeinsam Ziele verfolgt.

Sie waren jetzt über mehrere Monate die einzige Frau der siebenköpfigen BLSGeschäftsleitung. Wie gehen Sie mit dieser Konstellation um?

Ich wurde vom Gremium sehr herzlich aufgenommen. Ich glaube, sie empfanden es als Erweiterung der Vielfalt (schmunzelt). Denn ich entspreche auf mehreren Ebenen nicht dem Rest des Gremiums: Ich bin nicht nur eine Frau, sondern auch jünger. Zudem bin ich eine Mutter, welche Vereinbarkeit von Beruf und Familie lebt. Schön ist, dass die Vielfalt in der Geschäftsleitung nochmals erweitert wird, weil im September mit der Leiterin Finanzen eine weitere Frau dazugestossen ist.

Spannend: der Krimitrail Frutigen-Kandersteg. © Tourismus Adelbodenlenk-Kandersteg

Der Frauenanteil im Unternehmen steigt derzeit, liegt mit 18,7 Prozent jedoch tief. Wie kann und soll sich das ändern?

Wir arbeiten an verschiedenen Stellhebeln, um die Diversität bei der BLS bewusst zu erhöhen. Bei Stellenbeschreibungen suchen wir gezielt nach weiblichen Profilen und unterstützen Initiativen wie den Zukunftstag, damit mehr Mädchen geschlechtsuntypische Arbeitsfelder bei der BLS kennenlernen. In der Nachfolgeplanung diskutieren wir die Verteilung zwischen männlichen und weiblichen Talenten und sensibilisieren unsere Mitarbeitenden auf Geschlechterstereotypen und genderneutrale Kommunikation.

Schön finde ich, dass ich selbst dabei eine Vorbildfunktion einnehmen darf: Im Gespräch mit Mitarbeiterinnen spüre ich, dass es für sie ermutigend und inspirierend ist, zu wissen, dass man als Frau bei der BLS in die Geschäftsleitung kommen und Karriere machen kann – und das als Mutter eines sechsjährigen Sohnes, der meinen ebenfalls berufstätigen Mann und mich ordentlich auf Trab hält (schmunzelt).

Wechseln wir zum operativen Bereich. Der Schweizer ÖV schreibt in den letzten Jahren Rekordzahlen. Woran liegt dieser Boom?

Ja, tatsächlich reisen jeden Tag fast 200’000 Fahrgäste mit der BLS. Nach einem Rekordjahr im 2023 kletterten die Zahlen im 2024 nochmals um 4 Prozent auf einen historischen Höchststand. Die hohen Fahrgastzahlen wurzeln einerseits im Bevölkerungswachstum und folglich in der generell zunehmenden Mobilität. Das demografische Wachstum betrifft vor allem die städtischen Gebiete. Dort ist der ÖV die schnellste und effizienteste Fortbewegungsart, Stau- und Parkplatzprobleme werden mit dem ÖV vermieden.

Doch ich denke, nicht nur das Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung sind für den Boom verantwortlich. Der Schweizer ÖV gilt als eines der am besten ausgebauten Netze der Welt. Durch Investitionen in die Infrastruktur und dank des Taktfahrplans werden Verbindungen immer besser und die Reisezeiten kürzer. Eine nahtlose Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel ist gewährleistet. Dies sind zentrale Erfolgsfaktoren des ÖV. Last but not least: Ich denke, das zunehmende Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutzthemen spielt ebenfalls eine Rolle. Der ÖV ist deutlich energieeffizienter und umweltfreundlicher als der motorisierte Individualverkehr. Und praktisch ist er auch und da spreche ich aus eigener Erfahrung: Ich pendele jeden Tag fast 4 Stunden mit dem ÖV und kann besonders auf den längeren Abschnitten im Zug sehr gut arbeiten. Aus all diesen Gründen ist der ÖV wohl so beliebt wie noch nie.

Die BLS hat 2024 in den Zügen und Bussen täglich 195’700 Menschen transportiert. Wie behält man da die Massen im Überblick?

Ja, das sind tatsächlich beeindruckend viele Menschen, die jeden Tag unsere Züge, Schiffe und Busse nutzen. Damit trotzdem alles reibungslos funktioniert, braucht es eine stabile, kontinuierliche Planung der Angebote, verlässliche Nachfragedaten und eingespielte Teams und Prozesse. Auch eine Lenkung der Fahrgäste auf schwächer ausgelastete Verbindungen hilft insbesondere auf unseren Zuglinien, die Nachfrage besser zu verteilen. Zudem bieten wir mit kundenfreundlichen Angeboten sozusagen «Hilfe zur Selbsthilfe» und versuchen dabei, die Nutzung des ÖV für alle Kundengruppen möglichst einfach zu gestalten.

Imposant: Fahrt über das historische Luogelkin-Viadukt. © BLS AG

Im Raum Berner Oberland, Wallis und Simplon hat die BLS 2024 um 11 % im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Wieso gerade in diesen Regionen?

Hier befindet sich der klassische Freizeit- und Tourismusbereich. Zum Plus trug laut unserer Auswertungen der bei Ausflüglern beliebte RegioExpress Bern–Spiez–Brig–Domodossola bei, ebenso die Linie Spiez–Interlaken und die direkten Züge Bern–Zweisimmen. Am Simplon hat sich zudem der Grenzverkehr von und nach Italien weiterentwickelt und unsere Züge werden gerne von den sogenannten «Frontalieri» genutzt.

Gemäss Statistik werden die BLS-Züge auch immer pünktlicher. Ist der Hauptgrund dafür der Einsatz neuer Züge?

Nicht nur. Damit Sie noch pünktlicher unterwegs sind, haben wir unsere Fahrpläne überarbeitet und an die steigende Nachfrage, die vielen Züge im Netz und an laufende Bauarbeiten angepasst. Zusätzlich haben wir verschiedene Massnahmen getroffen, um die Stabilität zu erhöhen. Das zeigt Wirkung: Die Pünktlichkeit unserer Züge ist bereits sehr hoch und konnte gegenüber letztem Jahr sogar noch gesteigert werden (2024: 96 %, 2025 bisher über 97 %). Einen wichtigen Beitrag dazu leistet auch unser neues, modernes Rollmaterial.

Bei den verkauften Fahrausweisen über die BLS-Vertriebskanäle gab es 2024 hingegen einen Rückgang. Woran liegt das?

Das neue Halbtax Plus kam bei den Kundinnen und Kunden sehr gut an und hat zu einer Verschiebung der Verkäufe geführt. Leider konnten wir aus technischen Gründen das neue Sortiment nicht von Beginn an verkaufen. Zwischenzeitlich kann auch auf den digitalen Kanälen der BLS mit dem Halbtax Plus bezahlt werden. Auf der BLS Mobil App können zudem alle Arten von Abos bis hin zum GA gekauft werden, genauso wie das kinderleichte Check-in Ticket für Gelegenheitsreisende.

Zählt zu Riedles Favoriten: Schifffahrt auf dem Thunersee. © Jeroen Seyffer

Wo sehen Sie noch zentrale Baustellen im Bereich Personenmobilität?

Tatsächlich sind Baustellen ein bedeutendes Thema im täglichen Betrieb. Infrastrukturarbeiten bringen manchmal Einschränkungen mit sich – wie zuletzt beim Streckenunterbruch zwischen Bern und Fribourg. Dank unserer breiten Erfahrung und der guten Zusammenarbeit mit anderen ÖV-Partnern – in diesem Fall der SBB – gelingt es uns, solche Situationen bestmöglich zu meistern und für unsere Kundinnen und Kunden gute Lösungen zu finden. Dass wir in der Schweiz so grossen Wert auf den Unterhalt der Infrastruktur legen, ist übrigens einer der Gründe, warum unser ÖV so zuverlässig funktioniert. Deshalb nehmen wir Baustellen gerne in Kauf – sie sind Investitionen in eine starke Zukunft.

Mit Blick in die Zukunft wird ausserdem der Einsatz von künstlicher Intelligenz eine zentrale Rolle spielen. Sie wird unsere Arbeit verändern – und eröffnet neue Chancen für die Zusammenarbeit im Team sowie für die Weiterentwicklung unserer Services für Kundinnen und Kunden.

Generell erwarte ich von meinem Team den – wie ich es nenne – «Vierklang» aus Vereinbarkeit, Verantwortung, Zusammenarbeit und Neugier oder eher Offenheit, da ich Neugier ja nicht verordnen kann. Aber ich wünsche mir, dass wir offen sind für Neues und Veränderungen. Dieser Vierklang macht unseren Bereich lernfähig – und das ist für mich die Grundlage nachhaltigen Erfolgs.

Beliebt: per Wanderbus zu Ausflugsperlen. © Riechsteiner

Kommen wir zum Thema Tourismus: Wie viele der knapp 200’000 Passagiere pro Tag sind eigentlich AusflüglerInnen?

Bei der BLS haben wir einen grossen Anteil von Freizeitreisenden. Rund 50 Prozent unserer Fahrgäste reisen mit uns zu ihrem Freizeitziel und zurück. Unsere Ausflugsgäste schätzen die schöne Region, in der wir unterwegs sind. Es gibt vielfältige Angebote: von Museen über Wanderungen, Genusstouren und vieles mehr.

Die BLS ist nebst dem Schienenweg auch auf Seen und mit Bussen im Emmental und Oberaargau präsent. Welche Linien sind im Herbst besonders beliebt?

Auf den Seen sind im Herbst die Mittagskurse auf dem Thunersee von Thun nach Interlaken beliebt. Die Fahrt lässt sich ideal mit einem köstlichen Mittagessen verbinden, während das Schiff durch die atemberaubende Kulisse des Berner Oberlands gleitet. Denn wenn sich der Nebel gegen Mittag lichtet, eröffnen sich fantastische Blicke auf das Panorama der umliegenden Bergwelt. Auf dem Brienzersee begeistert die herbstliche Farbenpracht der Wälder rund um den türkisfarbenen See, eingerahmt von charmanten Dörfern. Neu verkehrt die Schifffahrt auf dem Brienzersee bis zum 7. Dezember 2025 – ein Highlight für Spätherbst-Ausflüge.

Im Emmental und Oberaargau ist unser Wanderbus beliebt, denn sowohl der Napf als auch die UNSECO-Biosphäre Entlebuch gelten als Wanderparadies. Mit dem RE7 und der S-Bahn aus Bern und Luzern erreicht man Langnau i. E. und Signau, wo der BLS-Wanderbus am Wochenende zu den Ausgangspunkten Chuderhüsi, Mettlenalp und Lüderenalp fährt. Schüpfheim sowie Escholzmatt sind die Umsteigeorte für die UNSECO-Biosphäre Entlebuch. Nebst Wanderbegeisterten bringt die BLS die Ausflügler auch zu den Ausgangspunkten für E-Bike-Touren der Herzroute: Ab Willisau, Burgdorf und Langnau i. E. tritt man fürs Kambly Erlebnis in Trubschachen in die Pedale oder für die Emmentaler Schaukäserei.

Kurvenreich: das Trotti-Bike-Erlebnis auf dem Stockhorn. © BLS AG

Der Herbst ist Wanderzeit – gibt es Bahnwanderungen, die Sie FussgängerInnen dieser Tage empfehlen können?

Wir haben für jeden Geschmack etwas: Geniesserinnen und Geniesser sollten die Gipfelgenuss-Tour Adelboden-Lenk machen. Wer einfach gerne Bahn fährt und wandert, ist mit dem Unesco Welterbe Lötschberg-Südrampe glücklich. Rätselfreunde finden auf den Krimitrails ihren Spass, zum Beispiel bei Frutigen–Kandersteg. Auch für Familien gibt es im Berner Oberland zahlreiche Angebote und Trails. Mein persönlicher Favorit ist der Rätselweg Kehrsatz–Gurten, auf dem ich mit meiner Familie rausfinden konnte, ob wir das Zeug zum Lokführer oder zur Lokführerin haben.

Sie arbeiten entlang Ihrer Linien mit verschiedenen touristischen Partnern zusammen – was bringt das den Reisenden konkret?

Durch die Partnerschaften können wir die Freizeitangebote in unserer Region für unsere Kundinnen und Kunden bündeln und sie zu vielfältigen Ausflugsideen inspirieren. Je nach Wetter, Begleitung, Alter oder Stimmung haben unsere Reisenden unterschiedliche Bedürfnisse. Ich bin mir sicher: Aufgrund der grossen Anzahl und diversen Angebote ist für alle etwas dabei. Wir entwickeln auch konkrete Angebote mit unseren Partnern auf Basis der Kundenwünsche und -feedbacks. So ist z.B. der Foxtrail Emma oder das Wanderticket Höhenrundweg Gryden entstanden. Die beiden Produkte sind bei den Kundinnen und Kunden sehr beliebt. Bei unseren Produkten versuchen wir die unterschiedlichen Bedürfnisse abzudecken. So entstanden weitere Wandertickets wie die bereits erwähnten Krimitrails oder auch Genusswanderungen.

Idyllisch: unlimitierte Schifffahrten mit dem Seepass. © BLS AG

Welche Art von Ausflugszielen lassen sich derzeit gut vermarkten?

Ausflüge hängen stark vom Wetter und den individuellen Vorstellungen ab. So versuchen wir die Vermarktung flexibel und kundennah zu gestalten. An Sommertagen sind Wanderungen in den Bergen oder Schluchten, zum Beispiel durch die Twannbachschlucht, beliebt. Natürlich auch Ausflüge an Gewässer. Im Herbst punkten wir mit Ausflügen in die Berge oder über den Lötschberg ins wärmere Domodossola.Im Winter kommen unsere Reisenden zum Beispiel mit dem Schneezug ohne Umsteigen von Biel ins Wallis und alle, die es gemütlicher mögen, schätzen die diversen Wellness- und Genussangebote.

Wetterunabhängig und sehr beliebt ist natürlich auch die Schifffahrt auf dem Thunerund Brienzersee mit ihren kulinarischen Angeboten. Der Blick vom Schiff auf die Bergwelt ist immer wieder faszinierend und ich ffinde ihn gerade bei Regen oder Wolken auch sehr mystisch.

Auch Passagier-Rekorde lassen sich noch toppen – wie lässt sich die Anreise zu diesen Destinationen mit dem ÖV noch fördern?

Die Anreise mit dem ÖV können wir durch attraktive Angebote und Produkte, eine nahtlose Reisekette sowie durch gezieltes Marketing fördern. Wenn Fahrgäste spüren, dass der ÖV die bequemste, nachhaltigste und oft auch preiswerteste Option ist, steigt die Nachfrage automatisch.

Zuletzt: Auf welcher Linie trifft man Sie in diesem Herbst am ehesten an?

Ich bin mit dem Zug und Bus gerne im Berner Oberland unterwegs und mag die Schifffahrt auf dem Thunersee, wo sich viele Ausflugsperlen befinden. Am ehesten, nämlich fast täglich, trifft man mich jedoch auf der Strecke zwischen Bern und Zürich, da ich eben pendle …

Herbst-Highlight: Markt in Domodossola. © BLS AG

Neue Ausflugsangebote der BLS

Im Sommer 2025 lancierte die BLS zwei neue Angebote: Die Gipfelgenuss-Tour Adelboden-Lenk kombiniert eine leichte Wanderung mit regionaler Kulinarik; der Bergfrieden-Pfad Sunnbüel lädt mit kleinen Ritualen zu einer entschleunigten Auszeit ein. Im BLS-Ausflugsplaner warten noch über 200 weitere Ideen – von Genuss- und Familienerlebnissen über Kultur bis hin zu sportlichen Touren.

Inspiration gibt es unter www.bls.ch/ausflug