Alles, was man hier sieht, und aus altem Holz gefertigt ist, ist von mir – der Rest von meiner Familie», sagt Silvia Verginer und deutet durch den Verkaufsraum. Ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit, ihr wacher Blick gleitet über goldene Herzen, Kugeln und knorrige Konturen. Seit rund sieben Jahren kreiert sie Skulpturen aus Holz, das schon mehrere hundert Jahre «in der Rinde» hat. «So genau weiss man das halt nie», lächelt sie. Ihre Leidenschaft gilt ebenso dem alten Holz wie den Herzen, sodass es irgendwann nahelag, beides zusammenzubringen.

Schon nach ersten Holz-Experimenten spürte sie,dass hier ihr Herz zu Hause ist. © Denise Tratta

Schlummernd zwischen Stein

Für ihre Kunst verwendet sie zu 90 Prozent Zirbelkiefer. Diese Bäume wachsen nicht hier unten in Kastelruth am Fusse der Seiser Alm, wo sich das Atelier und der Familienbetrieb befindet, sondern an der Baumgrenze auf ungefähr 2500 Metern. Silvia und ihre Familie müssen gezielt und ausdauernd danach suchen. Ein Holzgebilde, über dessen raue Fasern Silvia mit der Hand streicht, stammt etwa aus dem Sesvennagebiet im Vinschgau. Zwei Stunden Fahrt sind es bis dorthin, dazu kommen rund drei Stunden Aufstieg. «Das Holz fällt dort auf Steinboden. Deshalb ist es auch nach hunderten Jahren nicht morsch, sondern kerngesund, sodass ich es bearbeiten kann», erklärt sie. Manchmal ziehen sie zu dritt los, einen ganzen Tag lang – und kehren mit leeren Händen zurück. Oft sind es auch ihre Eltern, die ihrer Tochter ein schönes Stück mitbringen, das zwischen Felsen und Geröll schlummerte, unscheinbar wie ein schlafender Samen.

Die Kugel steht für den Menschen: rundum richtig, wie er ist. © Daniela Dambach

Holzschätze aus der Höhe

Am Berg sieht man dem Holz seine spätere Schönheit oft noch nicht an, was durchaus für Diskussionen sorgt: Ausheben oder dalassen? Einmal wollte ihr Vater ein vielversprechendes Geäst übergehen, die Mutter sah das anders und griff kurzerhand zur Handsäge. Zu Hause zeigte sich, dass sich die Mühe gelohnt hatte: Aus dem Fund entstand ein wunderschönes Werk – das zugleich eine Geschichte in sich trug, die Silvia später ihrer Kundin erzählte. Für sie gehören genau solche Storys zu ihren Skulpturen, weshalb sie diese nicht anonym verkauft. Sie möchte wissen, wer sich daran erfreut. Allerdings kann viel Zeit vergehen, bis sie aus einem Fund ein Kunstwerk fertigt, sogar Jahre. Vorsichtig nimmt Silvia mit beiden Händen eines ihrer grossformatigen Werke aus dem Regal: «Dafür habe ich mehrere Jahre gebraucht.» Die Wurzel hatte sie längst, was ihr fehlte, war die passende Position. 160 oder 180 Grad? Oder etwas dazwischen? Also wartete sie. Jahre strichen ins Land, bis sie eine stimmige Bodenplatte fand. Bis dahin stand die «werdende» Skulptur in ihrem Büro und wartete geduldig auf ihre Vollendung. Das Unfertige löst bei Silvia nicht etwa Unruhe aus: «Alles nimmt seinen Lauf», sagt sie sanft. «Ich warte einfach, bis der Moment gekommen ist.» Für jedes Stück gebe es den richtigen Zeitpunkt – und Kunden.

Feinste Schnitzarbeit: Traditionelle Grödner Figuren. © Daniela Dambach

Mit archäologischer Akribie

Zunächst aber muss das alte Holz offenbaren, was überhaupt in ihm steckt. Mit Stahlbürsten verschiedener Grössen und filigranen Werkzeugen tastet sich Silvia an die Oberfläche heran. Sie säubert Löcher, arbeitet Strukturen heraus, Schicht um Schicht trägt sie ab, was das Wesentliche verdeckt. «Diese akribische Arbeit erinnert ein wenig an Archäologie», meint sie und mustert die Maserung. Die Natur hat geschrieben, die Zeit hat archiviert – Silvia macht diesen Charakter wieder lesbar. Eines ihrer wiederkehrenden Motive sind die Herzen, die sie dekorativ in die Skulpturen integriert. Sie sind aus Zirbelkiefer geschnitzt und mit Blattgold veredelt, dessen Patina rötlich schimmert. «Für Besonderes nehmen wir echtes Blattgold», sagt sie lächelnd.

Doch nicht jedes Stück ziert ein Herz, manche tragen Kugeln. «Die Kugel, das sind wir», sagt sie warm, «rund, perfekt und strahlend. So wie jede einzelne Person.» Sie soll daran erinnern, dass jeder Mensch genau richtig ist, so wie er ist. Silvia hat sich selbst dabei ertappt, wie sie über Optimierungen grübelt. «Doch wir sind schon vollkommen, wie wir sind, ohne etwas hinzuzutun. Das Sein an sich macht unseren Wert aus, den wir uns nicht erst erarbeiten müssen.» Ein Grund dafür, dass ihre Arbeiten nicht makellos aussehen müssen. Vielmehr gehört jede Unebenheit, jede «Macke» dazu. Man darf den Unikaten ansehen, dass sie handgemacht sind. Wer heute eine Holzskulptur kauft und nächstes Jahr dieselbe haben möchte, erfährt: Das geht nicht. Ein Werk lässt sich nicht wiederholen.

Die Krippe – überliefertes Motiv, neu gedacht. © Daniela Dambach

In die Wiege gelegt

Dass Silvia einmal mit Holz arbeiten würde, überrascht bei ihrer Familiengeschichte wenig. Ihre Eltern widmen sich seit über 40 Jahren den traditionellen Grödner Figuren – filigran geschnitzt, detailreich und glatt geschliffen wie Marmor. 90 Prozent werden zunächst maschinell grob vorgefräst, dann von Hand nachgeschnitzt und bemalt. An einer einzelnen solchen Figur arbeiten somit mehrere Fachleute. Zehn Prozent entstehen dagegen vollständig von Hand. Die Handelskammer Bozen zertifiziert diese Stücke, indem ein Experte sie im halbfertigen Zustand begutachtet. Jede Kerbe trägt die Handschrift des Schnitzers. Was zu verblüffen vermag: Manche Figuren tragen winzige Stoffkleider, die Spezialisten fixieren und bemalen. Erst wer nähertritt, entdeckt die Details.

Vom Umweg zum eigenen Weg

Silvia ist inmitten dieser Schnitzerei-Schönheiten grossgeworden. Als kleines Mädchen half sie im Geschäft aus und versuchte, Kundinnen und Kunden zu bedienen. Manchmal wollten diese lieber auf Mama und Papa warten. «Ging es ihnen dann doch zu lang, kam ich zum Zug», erinnert sie sich, «und viele merkten etwas überrascht: Sie ist zwar noch klein, aber sie kann das!»

Herzenssachen aus Zirbelkiefer. © Daniela Dambach

Ihre Liebe zum Holz war also früh entfacht, ihr Händchen dafür gewissermassen in die Wiege gelegt. Doch schlug Silvia zunächst den (Um-)Weg zur Grundschullehrerin ein, wobei sie schon während des Studiums begann, mit naturbelassenem Holz zu experimentieren. Bald spürte sie, wo ihr Herz zu Hause ist: Wenn sie an einem Holzstück herumwerkelte, verflogen schlechte Launen wie Späne unter dem Hobel. «Heutzutage würde ich wohl die Kunstschule besuchen», denkt sie laut nach.

Nun steht sie inmitten ihrer Skulpturen aus Holz, das irgendwann irgendwo am Berg gelegen ist. Manches wurde gesucht, anderes gefunden oder beinahe liegengelassen. Jedes hat seine eigene Geschichte und manchmal dauert es Jahre, bis sie weitergeht. Künftig möchte die Künstlerin kleine Embleme mit Logo in ihre Kreationen einlassen, die sich herausnehmen und als Schmuckstück tragen oder verschenken lassen. Silvia denkt ohnehin bereits über den nächsten «Schliff» nach. Sie träumt von Ausstellungen, etwa in einer Mailänder Galerie. Das alte Holz dürfte damit gut leben und nichts zu knarzen haben. Es hat schliesslich schon in ganz anderen Gefilden überdauert.

Holzschnitzerei Verginer
Wegscheid 7, 39040 Kastelruth

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