Herr Salzgeber, in Ihrem Heimatdorf Raron liegt der Dichter Rainer Maria Rilke begraben – ist der gleiche doppelte Vorname ein Zufall?

Klar macht es mich stolz, den gleichen Vornamen zu tragen wie Rilke. Aber das war nicht die Intention meiner Eltern. «Rainer» hat ihnen einfach gefallen und «Maria» kam hinzu, weil ich am 15. August geboren bin – Maria Himmelfahrt. Deswegen bekam ich den zweiten Namen, der mittlerweile auch ein bisschen zu meinem Markenzeichen geworden ist.

Ihr poetischer Namensvetter war reiselustig und schreibgewandt. Sehen Sie Parallelen zu Rilke?

Überhaupt nicht. Ich würde mich nie auch nur im geringsten Masse mit solch einer grossen Figur der Literaturgeschichte vergleichen. Einzig, dass auch bei mir die Wörter eine wichtige Rolle spielen; im Gegensatz zu Rilke halt einfach in gesprochener und nicht geschriebener Form.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht von ihm?

In der Mittelschule in Brig haben wir uns natürlich auch mit den Werken von Rilke auseinandergesetzt. In Erinnerung geblieben sind mir dabei zwei Gedichte: «Der Panther» und «Herbstgedanken». Dazu kamen aber auch richtig heftige Dinger wie beispielsweise die «Duineser Elegie», die dann doch in Sachen Interpretation schwierig war für einen Mittelschüler. Der Grabspruch von Rilke beeindruckt mich auch, weil ihn bis heute halt niemand definitiv entschlüsseln kann – und das 100 Jahre nach seinem Tod. Da hat er auch in Raron auf der Burgkirche etwas Grosses hinterlassen («Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.» Anm. d. Red.)

Rilkes 100. Todestag und 150. Geburtstag werden 2026 in Raron zelebriert. Sind Sie bei diesem Kultur-Programm auch irgendwie involviert?

Da ich nur noch selten in Raron bin, fehlt mir leider die Zeit, bei diesen Aktivitäten eine Rolle zu spielen. Sicherlich werde ich seine Grabstätte besuchen. Aber das mache ich eigentlich immer, wenn ich oben auf der Burg bin. Zu diesem Ort haben alle Rarnerinnen und Rarner einen ganz besonderen Bezug.

Rilkes Reise endete in Raron, ihre begann dort. Wie war es, an der Südrampe aufzuwachsen?

Es war ein echtes Geschenk. Wir hatten alles, was es für eine schöne Kindheit brauchte. Ich spielte mit grosser Leidenschaft Fussball und habe mit meinen Kollegen natürlich auch viel Blödsinn gemacht. Die Südrampe war dabei auch ein Teil. Immer wieder haben wir die «Kumme» oberhalb von Raron besucht. Da gab es im Sommer ein Restaurant, unmittelbar neben der BLS-Rampe. Dort die Züge beim Vorbeirauschen zu erleben, hat mir immer Eindruck gemacht und bleibt in guter Erinnerung.

Die Südrampe war prägender Teil von Salzgebers Kindheit. © BLS

Welchen Stellenwert hatten Bergwelt und Naturgewalt für Sie im kleinen Rhonetaler Dorf?

Wenn man in Raron aufwächst, spielt die Natur logischerweise immer eine Rolle. Da kommt mir beispielsweise der «Heidnischbiel» zwischen Raron und St.German in den Sinn. Da haben wir in der Jungwacht einen Film gedreht – «Die Rache der Kiowas»» – lange vor Internet, Social Media und KI. Für solche und andere Aktivitäten waren wir immer wieder draussen unterwegs. Mit der Gewalt der Natur wird man in einer solchen Region auch immer wieder konfrontiert, seien es Lawinen, Brände oder Bergstürze. So war ich beispielsweise bei der Unwetterkatastrophe 1993 in Brig als Reporter des Lokalsenders Radio Rottu direkt involviert; eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Am Ende kommt es halt immer wieder aufs Gleiche raus: Die Natur kann man nicht beherrschen, sie beherrscht uns und das müssen wir akzeptieren.

Raron und Ihr heutiger Wohnort Zürich sind verschiedene Kaliber. Was verbindet Sie heute noch mit der Lötschberg-Region?

Meine Familie wohnt immer noch dort, meine Mutter in Raron und meine Schwester mit ihrer Familie in St. German. Da liegt es auf der Hand, dass ich immer noch enge Verbindungen pflege zu meiner Heimat. Die Wurzeln vergisst man nie, auch wenn man wie ich mittlerweile über 30 Jahre in der Region Zürich zu Hause ist.

Welche Orte rund um Raron liegen Ihnen besonders am Herzen? Was müssen Reisende unbedingt sehen?

Logischerweise kommt man da an den beiden Kirchen nicht vorbei. Ein Besuch der Felsenkirche und der Burgkirche ist ein absolutes Muss. In Letzterer wurde ich getauft und habe auch dort geheiratet. Wenn man oben ist, gehört natürlich auch der Besuch des Rilke-Grabes dazu. Und beim Runterlaufen von der Burg kommt man dann noch am «Maxenhaus» vorbei mit dem ältesten Briefkasten Europas. Es gibt also einiges zu entdecken rund um meinen Heimatort Raron.

«Die Burgkirche ist ein absolutes Muss.» © Lötschberg-Region

Sie spielten früher als Goalie beim FC Raron und dann auch beim FC Brig-Glis. Heute sind Sie privat eher mit dem Bike oder auf dem Golfplatz unterwegs – was bietet die Lötschberg-Region in diesen Disziplinen?

Ich liebe es, im Wallis Golf zu spielen, sei es in Randa, in Leuk oder auch in Crans. Velotechnisch habe ich zweimal bei «Chasing Cancellara» mitgemacht, einem Event von Zürich nach Zermatt über 260 Kilometer und 6500 Höhenmeter. Ich liebe es, mit dem Rennvelo die Walliser Pässe zu bezwingen. Zwar bin ich nicht allzu oft in der Region unterwegs. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: Der Wind im Rhonetal kann einem Velofahrer so richtig einen Strich durch die Rechnung machen.

Kommen wir zu Ihrer Arbeit: Sie sind seit über 30 Jahren Moderator bei SRF. Dabei suchen Sie oft die Nähe zum Publikum …

Das Oberwalliser Gen drückt bei mir halt immer noch durch, auch nach über 30 Jahren in Zürich. Dazu gehören auch meine Charaktereigenschaften, die sich über die Jahrzehnte vielleicht entwickelt, aber nicht wesentlich verändert haben: die Liebe zu den Menschen und die bodenständige Art. Unabhängig von meinem Tätigkeitsfeld versuche ich mich so zu geben, wie ich bin. Authentizität ist meiner Meinung nach ein guter Ratgeber fürs Leben. Und warum sollte ich mich wichtiger nehmen, als ich bin? Am Ende bin ich ein ganz normaler Mensch, vielleicht mit einem besonderen Job, mehr nicht.

Der Walliser Dialekt gilt als beliebt – ein weiterer Vorteil auf der Bühne?

Sicherlich kein Nachteil. Melodische Dialekte wie der Walliser, der Berner oder der Bündner Dialekt gehören zu den Beliebtesten in unserem Land. Dazu haben praktisch alle Leute besondere Erfahrungen und Erlebnisse mit Bezug zum Wallis. Und da kommt halt wieder die Authentizität zum Tragen: Wenn ich Zürcher Dialekt reden würde, wäre ich nicht mehr der echte Salzgeber.

Nebst viel Fussball ist auch der «Donnschtig Jass» eines Ihrer Lieblingsformate – ebenfalls eine Hommage an die ländliche Heimat?

Jassen gehört zur Kultur, zur DNA unseres Landes. Als ich 2018 die Möglichkeit bekommen habe, den «Donnschtig Jass» zu übernehmen, musste ich nicht lange überlegen. In der Familie haben wir immer wieder gejasst, vielfach am Sonntagabend: Vater und Sohn gegen Mutter und Tochter. Das Gleiche pflege ich mit meiner Frau auch mit den eigenen Kindern. Ich freue mich also jedes Jahr extrem auf die SRF-Touren durch unser Land. Jassen verbindet Kulturen, Regionen oder auch Generation. So hatte ich vor einem Jahr in einer Sendung einen 98-Jährigen und einen 17-Jährigen am gleichen Tisch. Wo gibt es dann sonst noch, dass zwei so unterschiedliche Generationen gemeinsam etwas machen können? Was wir auch immer mehr beobachten, ist die Tatsache, dass Jassen auch bei der jüngeren Generation durchaus en vogue ist und auch in städtischen Regionen immer wieder gespielt wird. Jassen – für mich eine Tradition mit modernem Touch.

Salzgebers gesellige Art kommt gut an. © SRF, Pascal Mora

Hinzu kommen Auftritte mit politischem, wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Hintergrund. Da kann man aber nicht immer jovial plaudern, oder?

Es geht bei diesen Sachen um die seriöse und gewissenhafte Vorbereitung, wie das auch bei meinen TV-Jobs der Fall ist. Und das macht meinen Job so einzigartig: Ich mache eigentlich seit über 30 Jahren das Gleiche und trotzdem ist jeder Tag anders. Heute ein Panel mit einem Bundesrat, morgen ein Interview mit Shaqiri und übermorgen eine Jass-Sendung – mein Job ist mein Hobby und ein unbezahlbares Privileg.

Dieser Lebensstil ist nicht 08/15. Das braucht viel Flexibilität, auch von der Familie …

«Eight to five» – das kennen wir nicht. Diese Flexibilität gehört bei uns ganz einfach dazu, und ohne sie hätte ich den Weg nicht gehen können, den ich gegangen bin. Dessen bin ich mir bewusst und dafür bin ich vor allem meiner Frau dankbar. Und genau deswegen spielen sie und meine Kinder den wichtigsten Part in meinem Leben.

Sie moderieren auch mit Tochter Cloé im Doppel: Gibt es in Ihrer Familie so etwas wie ein Moderations-Gen?

Logisch habe ich meiner Tochter das Moderieren mit auf den Weg gegeben. Zwar nie auf bewusste Art und Weise, aber weil es halt immer Thema gewesen ist während ihrer Kindheit, hat sich das automatisch so ergeben. Und wenn man zusammen mit seinen Kindern gemeinsam etwas erleben oder kreieren kann, ist das für einen Vater immer ein absolutes Highlight. Egal, ob gemeinsame Moderation mit meiner Tochter oder gemeinsamer Besuch eines Fussballspiels mit meinem Sohn: Ich kann meine Leidenschaften mit meinen Kindern teilen.

Mediale Challenge: Einachserrennen mit dem Cabaret DivertiMento. © SRF

Können Sie umgekehrt als alter «Medienhase» noch etwas vom Nachwuchs lernen für die Auftritte?

Auf jeden Fall. Wie Cloé an Themen rangeht, gibt auch mir immer wieder Inputs für meine Arbeit. Und dass die jungen Leute mit den heutigen Möglichkeiten wie Social Media oder KI anders umgehen, ist ja auch klar.

Die «Gen Z» erobert also die Bühnen. Sind Ihre Kinder auch in der Oberwalliser Bergwelt noch präsent?

Wir sind häufig in Zermatt auf den Pisten und den Wanderwegen anzutreffen. Das geniessen wir als Familie und freuen uns immer wieder auf die besonderen Tage in einer Region, die ja auch ein bisschen Heimat meiner Kinder ist.


Zur Person: Rainer Maria Salzgeber wuchs in Raron auf und moderiert seit 1994 beim Schweizer Fernsehen. Zu seinen Lieblingsformaten zählen Fussball-Sendungen und der «Donnschtig Jass» – für sein mediales Engagement wurde er unter anderem als Schweizer Sportjournalist des Jahres ausgezeichnet, zudem erhielt er den Schweizer Fernsehpreis. Auch bei Events steht der gebürtige Oberwalliser oft auf der Bühne. Der 56-Jährige wohnt heute mit seiner Familie in der Region Zürich.

Rilke-Jubiläum: 2026 würdigt Raron den Dichter Rainer Maria Rilke anlässlich seines 100. Todestags und 150. Geburtstags. Im Oberwalliser Dorf fand er seine letzte Ruhestätte bei der Burgkirche. Nun wird Rilkes Leben und Wirken mit einem vielseitigen Jubiläumsprogramm ins Zentrum gerückt. Dazu gehören Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und weitere Projekte.