Er findet seine Nische
Das Jagdverhalten ist hochstehend, der Gesang weniger: Als Vogel des Jahres 2025 zeichnet der anpassungsfähige Hausrotschwanz ein durchmischtes Bild.

Das Jagdverhalten ist hochstehend, der Gesang weniger: Als Vogel des Jahres 2025 zeichnet der anpassungsfähige Hausrotschwanz ein durchmischtes Bild.

Er ist scheu, er ist nervös, er flitzt ständig herum. Er ist kleiner und schlanker als ein Spatz und wiegt nur etwa 16 Gramm. Dennoch dürften Vogelfreunde keine allzu grosse Mühe haben, den Hausrotschwanz zu entdecken. Denn erstens ist die Singvogelart aus der Familie der Fliegenschnäpper nicht gefährdet in der Schweiz. Im Gegenteil: Phoenicurus ochruros, so der lateinische Name, gehört zu den häufigsten Brutvögeln hierzulande. Zweitens sind Hausrotschwänze mittlerweile das ganze Jahr über zu beobachten. Denn obwohl es sie im Spätherbst eigentlich in den Mittelmeerraum, nach Nordafrika oder in den Nahen Osten zieht, überwintern immer mehr Tiere aufgrund der höheren Temperaturen gleich hier. Und drittens wäre da noch der Gesang des Vogels, der etwas, nun ja, eigenwillig ausfällt.
Nein, es dürfte wohl nicht an seiner Stimme liegen, dass der Hausrotschwanz zum Vogel des Jahres 2025 gewählt wurde. Als melodiös lässt sich sein Gesang nämlich beim besten Willen nicht bezeichnen. Gemäss der Schweizer Vogelwarte klingt er «gepresst knirschend» – und das sagt doch eigentlich bereits alles. Andere Quellen bemühen Wendungen wie «Röcheln», «Klappern», «pfeifende oder fauchende Elemente» oder gar «Störgeräusche», um das immerhin unverwechselbare, laute Gepfeife zu beschreiben. Dieses wird in Strophen mit unterschiedlicher Reihenfolge wiedergegeben. Dass das Vögelchen zu den Frühaufstehern gehört und über viel Ausdauer verfügt, macht die Sache für die ZuhörerInnen nicht unbedingt besser. Über eine Stunde vor Sonnenaufgang beginnt das kaum zu überhörende Konzert – und es kann sich bis in die Abenddämmerung fortsetzen.

Wenn der hektische Hausrotschwanz mal an Ort bleibt, dann entweder zum Singen oder zum Jagen. Für beides sucht sich das agile Tier im Siedlungsgebiet Warten aus, von denen aus es sich auf seine Beute stürzen kann. Hobby-Ornithologen finden Phoenicurus ochruros im Siedlungsraum entsprechend auf Hausdächern und Antennen, auf Pfosten oder auch mal auf Bäumen. Von Stillhalten kann dort allerdings keine Rede sein. Ständig wird mit den verhältnismässig langen Beinen geknickst und mit dem rostroten Schwanz gezittert und vibriert. Und auch die Augen sind aktiv: Von den Warten aus peilen die Vögel ihre Hauptnahrungsquelle an – es sind bevorzugt Insekten, die im Sturzflug erwischt werden. Manche Beute wie Schmetterlinge wird dabei direkt in der Luft gemacht, andere Tiere wie Spinnen gilt es am Boden zu packen. Anders als beim Gesang stellen sich Hausrotschwänze dabei äusserst geschickt an.

Dass der bis zu 15 Zentimeter grosse Vogel in unseren Gärten jagt und singt, war nicht immer so. Früher war der Hausrotschwanz schliesslich vor allem in den Berggebieten von Mittel- und Südeuropa heimisch und wurde entsprechend auch «Gebirgsrotschwanz» genannt. Noch heute ist er auch in der Schweiz in Höhen von bis zu 3200 m ü. M. zu finden. Allerdings hat sich das Tier mittlerweile in die Gruppe der sogenannten Kulturfolger eingereiht und hat so nach und nach auch Flusstäler, Felder und Städte erobert. In den Siedlungsgebieten sind es nun statt Felswände halt Spalten und Löcher an Fassaden oder Brücken, in denen der Hausrotschwanz seine Nester bauen kann – Hauptsache, es ist trocken, warm und steinig.
