Natur, die nachsummt
Montafon ist ein Tal, das Traditionen webt, klebt und hegt: Im Flug der Honigbienen, in heilsamer Kräuterkunst und im leisen Blöken der Steinschafe.

Montafon ist ein Tal, das Traditionen webt, klebt und hegt: Im Flug der Honigbienen, in heilsamer Kräuterkunst und im leisen Blöken der Steinschafe.

Es sind Geschichten, die man am besten auf einem Schaffell fläzend, mit einem Löffel Honig im Mund und einer Tasse Kräutertee erzählen würde. An kühleren Tagen wie diesem stellt man sich vor, dass hier die Wolken weisse Westen tragen, natürlich aus Schafwolle; doch dazu später mehr. Je nach Windrichtung riecht die frische Luft leicht nach Heublumen oder Sauermilchkäse – «Sura Kees». Im Westen Österreichs, nah an der Grenze zur Schweiz, liegt das Montafon – «Muntafun» wie es im eigenwilligen Dialekt heisst. «Muntafunerisch» zählt zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO und klingt wie Alemannisch mit einem rätoromanischen Anstrich. Zahlreiche Flur-, Orts- und Bergnamen wie etwa Schruns, Vallüla oder Piz Buin stammen aus dem Rätoromanischen. Geblieben sind über 200 Wörter wie «Quatterpätsch» für Salamander oder «Mormenta» für Murmeltier.
Und so geht es «vörschi» – vorwärts in das 39 Kilometer langen Tal in Vorarlberg, das von Gebirgen mit Namen wie Verwall, Rätikon oder Silvretta eingerahmt ist. Eine Kulisse, die ihm seit Kindertagen bekannt ist: Harry Trautmann, der im augenfälligen, über 250-jährigen Jugendstil-Bijou «Haus an der Lintz» an der flanierfreundlichen Flusspromenade wohnt – und Feriengäste beherbergt. Kaum volljährig, zog der gebürtige Montafoner aus, um zuerst in Paris und später in den Niederlanden zu leben.
Nach 43 Jahren in der Weite der Welt zog es ihn zurück in seine Heimat. Nun lebt er im Tal, das sich so hingebungsvoll an die Alpen drückt wie die Biene an die Blüte. Nicht alleine, sondern mit Menschen, die sich für die geflügelten Nektarsammlerinnen interessieren. Seine Bienenwanderung nimmt den Weg von der Wiese über die Wabe bis zur Weisheit: Die Route führt von der Barockkirche Bartholomäberg über «Platta» und Montjola bis nach Schruns, wo seine acht Bienenvölker herumschwirren.

Das süsse Gold zählte schon damals in den Niederlanden zu Trautmanns Leidenschaften. «Ich bin ein sogenannt fauler Imker», bemerkt er schmunzelnd, während er zwischen den Stielen nach den braun-gelben Pollenpiloten späht; seine Völker müssten deshalb zu Fuss erreichbar sein. «Da, eine Sommerbiene», sagt er, und deutet mit dem Wanderstock auf eine Blume. Manchmal lege er sich auch selbst mitten in eine hochgelegene Wiese zu den kleinen Tierchen.
Zwischen Walnussbäumen und traditionellen Holz-Stein-Häusern und Neubauten mit geschlossenen Elektro-Storen geht die Wanderung weiter abwärts. Mit Blick auf die modernen, aber unbewohnten Häuser meint Harry: «Um oben am Berg zu wohnen, muss man hier geboren sein.» Am Dorfrand, bei seinen Bienenstöcken, dünkt es einen gar, die Landschaft sei selbst kandiert: Die kleinen Fleissarbeiterinnen, welche die Architektur des Aromas beherrschen, hausen in handgemachten Roggenstroh-Körben. Während man in die pulsierenden Waben blickt, erklärt Harry Trautmann, wie die Königin zu ihrem Titel kam (Stichwort: Gelee Royal), warum sie nach fünf Jahren eines natürlichen Todes stirbt und wie er den Honig gewinnt, den er in Gläschen verkauft.

Es summt, es wuselt, es lebt – auch auf der Wanderung, die Stefanie Peiker anbietet. Mit der Naturführerin und internationalen Wanderführerin, die auch in der Gebietsbetreuung der Natura-2000-Gebiete im Montafon und Klostertal tätig ist, streift man durch Wiesen und Wälder, das Körbchen locker unter den Arm geklemmt. Dieses füllt sich nach langen und kurzen Schritten der Sinneserweiterung mit heilendem Grün – hier ein Wiesenklee gepflückt, da am Bergthymian geschnuppert und dort einen Frauenmantel gesammelt. Sie erläutert, dass das Rosengewächs bei Frauenbeschwerden helfe, «morgens sammeln sich Tautropfen darin, die man trinken kann», kommentiert sie, legt das Zweiglein zu den anderen Heilkräutern und preist sogleich Brennnesseln als vitaminreiche Spinat-Alternative an. Flink führt sie die «Feldforschung» weiter an; wie passend, dass sie sich selbst «s’ Gemsli» nennt.
Hinter der nächsten Kurve auf dem Kräuterpfad taucht ein Montafoner Chalet auf – so heimelig, dass man das Knarren der Holzbalken zu hören glaubt, ohne es zu betreten. Behände wäscht und zerreibt sie die «kräuterigen» Kostbarkeiten, mischt sie unter Frischkäse und bestreicht damit Scheiben von selbstgemachtem Brot. Die dick aufgetragene Frischkäsemasse leuchtet weiss wie frischer Schnee, durchzogen von feinen Sprenkeln in Konfetti-Kolorit. Mit einem Schluck Oxymel und Aussicht auf die Gipfel verschmaust man die mundgerechte «Almwiese», die gewiss auch den Steinschafen schmecken würde. Dabei waren Letztere einst fast ausgestorben.

Dem Erhalt dieser kleinen, zierlichen Tiere mit der hübschen geraden Nase haben sich Harald und Doris Bitschnau verschrieben. War es das gescheckte Gewand, ihre Robustheit, der leicht misstrauische Blick oder ihr kulturlandschaftlicher Wert, der ihre Faszination für die Fellwesen anfachte? Sie und ihr Mann waren im Bauwesen tätig, als der Wunsch aufkam, auszusteigen und «etwas ganz anderes» zu machen. Was das sein sollte, offenbarte sich, als sie sich bei einem Bekannten im Stall wiederfanden und augenblicklich von schwarzen Augenpaaren umringt waren – Steinschafe sind zutraulich, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Eine goldene Nase verdiene man sich mit einer Herde der alten Rasse, die heute 90 Tiere zählt, nicht: «Wir haben uns 2015 für eine sanfte, nachhaltige Landwirtschaft entschieden, weil das besser zu uns passt.»
Den Sommer verbringen die Schafe auf der Pachtalp Mutt im Silbertal, 1600 Meter über Meer, beschützt von zwei weissen Eseln. Aus der charaktervollen Wolle der grasenden Stoiker fertigt Doris in ihrem «Nähstüble» Pantoffeln, Accessoires, Kissen und andere Seelenwärmer an. Und wer statt auf Filz lieber auf Filet setzt: Auch Schaffleisch gibt es auf Vorbestellung, Slow Food eben. Doch bei «Verners», wie sie ihren Hof auf der Montafoner Sonnenterrasse nennen, gibt es auch Raum für Kochkurse, und im Erdgeschoss braut Johannes aka «Hopfenprinz» sein «Muntabrew».

«A bierige G’schicht», schäumt es einem durch den Kopf, während man im Café Frederick auf dem Kirchplatz sitzt. Hier hat Stefanie Peiker einst eine Lehre zur Konditorin absolviert, ehe sie zur wandernden Botanik-Botschafterin wurde. Bei Apfelstrudel mit Vanillesauce, die hier nicht etwa klecks-, sondern kännchenweise dosiert wird, lauscht man den Leuten. Man kennt sich. Ein Gast ruft der Kellnerin, die eine moderne Version der traditionellen Tracht trägt, zu: «Ich bin gerade aus Hamburg zurück, da wird man alle fünf Meter angerempelt – da bleibe ich lieber in Schruns!» Als Gast kehrt man irgendwann heim – doch summt das Montafon nach. Und dann, wenn man dereinst nicht so leicht Schlaf findet, bereitet man sich eine warme Milch mit Honig zu und beginnt, Schäfchen zu zählen. Nicht irgendwelche, sondern eindeutig: Montafoner Steinschafe.
