Eine Ausstellung im Palazzo Martinengo in Brescia zeigt, wie Männer Frauen malten – von der Renaissance bis zum Impressionismus.

„Frauen haben Künstler immer fasziniert“, sagt Davide Dotti, Kurator der Ausstellung „Donne nell’Arte – von Tizian bis Boldini“, die bis zum 12. Juni 2022 in Brescia zu sehen ist. Insbesondere vom 16. bis zum 19. Jahrhundert hätten die fast ausschliesslich männlichen Maler ihre Ideen von faszinierender Weiblichkeit auf die Leinwand gebannt. „Auf ganz unterschiedliche Weise, aber immer so, dass ihre mit Pinselstrichen erschaffenen Heldinnen die Blicke der Betrachtenden auch heute noch mit unwiderstehlicher Kraft zu fesseln vermögen“. Die Ausstellung im frisch restaurierten Palazzo Martinengo lädt Besucher ein, auf eine bewegende Reise durch ein Stück Kunstgeschichte zu gehen. „Überraschungen sind garantiert“, verspricht Kurator Dotti. Einige der über 90 Werke dieser Sonderschau, darunter auch Gemälde von Tizian, Raffael und Tiepolo, stammen aus hochkarätigen Privatsammlungen und wurden bis dato selten oder sogar noch nie in einem Museum gezeigt.

©visit brescia
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Im 16. Jahrhundert sehr beliebt – Magdalena, die Büsserin

Zu den Hauptwerken der Ausstellung gehört Tizians „Büssende Magdalena“, ein Ölgemälde aus deutschem Privatbesitz. Nach Einschätzung des britischen Kunsthistorikers und Tizian-Experten Peter Humfrey handelt es sich um eine der besten Versionen des Magdalena-Themas, dem sich Tizian immer wieder mit Eifer gewidmet hat. Nicht nur für den spanischen König Philipp II, einen seiner wichtigsten Auftraggeber, hat der italienische Renaissance-Meister die biblische Büsserin gemalt. Auch andere illustre Zeitgenossen, darunter ein einflussreicher römischer Kardinal, bestellten sich die reuige Sünderin mit der sinnlichen Gestalt aus Tizians Hand. Die energischen Pinselstriche und die besondere Intensität der Farben deuten darauf hin, dass das in Brescia gezeigte Gemälde zwischen 1558 und 1563 entstanden ist – ungefähr zur gleichen Zeit wie die Magdalena, die Tizian für den spanischen König malte. Rund dreieinhalb Jahrhunderte nach Tizian hat Gustav Klimt mit seinem Gemälde „Stehendes Liebespaar“ einen Meilenstein in der Kunstgeschichte gesetzt. In dem Werk deutet sich die später zur Vollendung gebrachte avantgardistische Formensprache des Wiener Künstlers an. Zwischen Tizians Büsserin und dem Liebespaar von Klimt buhlen im Palazzo Martinengo mythologische Frauengestalten wie Zeus-Gespielin Europa, Zauber-Göttin Circe und Flussgott-Tochter Daphne um bewundernde Blicke.

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Um 1900: Offen zur Schau gestellte Reize

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts richtet sich das Interesse der Künstler mehr und mehr auf die „echten“ Frauen. Emsig bei der Hausarbeit oder liebevoll den Kindern zugewandt werden sie dargestellt, oder auch als heitere Gefährtinnen bei der Landpartie inmitten einer in leuchtenden Farben auf die Leinwand getupften Natur. Um die Jahrhundertwende wird die erotische Kraft des weiblichen Körpers – ganz ohne Rückgriffe auf Bibel oder Mythologie – zu einem der dominierenden Themen der Malerei. Mit selbstbewusst zur Schau gestellter Sinnlichkeit lassen sich die Reichen und Schönen der Belle Époque porträtieren. Bestechende Beispiele dafür sind die Bilder des italienischen Impressionisten Giovanni Boldini, dem die Damen der Pariser Gesellschaft in aufreizenden Posen Modell gestanden und gesessen haben.

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Brescia – Kunst aus 2000 Jahren

Auch ausserhalb der Sonderschau empfiehlt sich die Pinakothek Tosio Martinengo im gleichnamigen Palazzo mit hochkaratiger Kunst – von den Renaissance-Gemälden Raffaels bis hin zu den Werken von Francesco Hayez, des grossen Meisters der italienischen Romantik. Nachdem etliche der Werke von kaum schätzbarem Wert in den vergangenen neun Jahren als Leihgaben in einigen der berühmtesten Museen der Welt zu sehen waren, sind sie nun wieder „zu Hause“ in Brescia sehen. Nur ein kurzer Fussweg von der Pinakothek und man kann „Vittoria Alata“, die geflügelte Siegesgöttin, bewundern. Die bei Ausgrabungen zutage beförderte Bronzeplastik aus Brescias römischer Vergangenheit stammt dem 1. Jahrhundert und hat ihren Platz im Capitolium, einem imposanten Tempel im Herzen der Stadt, der heute Teil der UNESCO-Welterbestätte ist. Dass Begeisterung für das Erbe der Antike und Offenheit für Gegenwartskunst in der alten Stadt Hand in Hand gehen, beweisen farbgewaltig gestaltete Fassaden in den Randbezirken. Mit den Wandmalereien internationaler Graffiti-Künstlerinnen und Künstler zeigt Brescia, Mailands kleine Nachbarin, einmal mehr, dass Monotonie ganz und gar nicht ihre Sache ist.

Weitere Informationen

www.visitbrescia.it/de

Autor: Teresa Bass

Beitragsbild: ©visit brescia