Das friedfertige Schaf

Den Schafen hängen zuweilen wenig schmeichelhafte Attribute an: Einfältig und dumm. Ein vor sich hin blökendes Herdenvieh, das blindlings der Masse folgt. Ist das so?

Die Herabwürdigung des friedfertigen Tiers begann indes erst im 19. Jahrhundert, als man generell die Tiere zu vermenschlichen begann und ihnen Charaktereigenschaften zuschrieb, die man von ihrem Verhalten her ableitete. Der Naturforscher Conrad Gesner beschreibt das Wesen von Schafen bereits in seinem «Thierbuch» aus dem Jahre 1669 wie folgt: «Ein Schaf ist ein mildes, einfältiges, demütiges, stilles, gehorsames, furchtsames und närrisches Tier…ohne einen Hirten verlaufen Schafe sich bald und sind ganz irrig. Wenn eines sich verläuft oder verfällt, so stürzen sich die anderen alle hernach …». Oje. Aber der Tiefpunkt des Schaf-Images ist die heutige Pandemiezeit: Denn im «Querdenker» und Verschwörungstheoretiker-Milieu wimmelt es nur so auf den Telegram- und Twitter-Post von Schaf-Bildern und -Memes. Das «Schlafschaf» ist vielleicht sogar das Symbol schlechthin der verschwörungsideologischen Bewegungen in der Pandemie.

Bündner Oberländerschaf (c) Prospecia Rara
Bündner Oberländerschaf (c) Prospecia Rara

Vom Lamm Gottes zu «Dolly» bis zum «Schlafschaf»

Welche Lasten dem genügsamen Wiederkäuer im Verlaufe der Jahrtausende aufgebürdet wurden: Als «Lamm Gottes» muss es den Monotheismus voranbringen, als geklonte «Dolly» die natürliche Ordnung hinterfragen und nun also als Sinnbild des Blöden herhalten. Dabei begleitet das Schaf den Menschen seit jeher – ein Tier, das die Tugenden Duldsamkeit und Sanftmut geradezu verkörperte. In der Antike symbolisierte es zudem absolute Friedfertigkeit und durfte das paradiesische Reich Arkadien in der griechischen Mythologie bevölkern. Und das Inventar der Weihnachtskrippe wäre ohne Schafe nicht vorstellbar –  sie gehörten nicht nur zu den ersten Haustieren des Menschen, sondern dürfen im Christentum sogar Gottes Sohn versinnbildlichen. Und Schafe gehörten in der Tat zu den ersten Tieren, die Menschen zu zähmen vermochten: Von Natur aus ist das relativ wehrlos, haben Schafe ja allerhöchstens Hörner, die sich leicht wegzüchten lassen. Als Herdentiere sind sie zudem stets bereit, den Anführern – sprich Hirten – zu folgen.

Walliser Landschaf (C) Prospecia Rara
Walliser Landschaf (C) Prospecia Rara

Schafhaltung: Ein stetiges Auf und Ab

Als Nutztier waren die Schafe stets ein dankbarer Gefährte; denn Tiere, die Wolle, Fleisch und Milch lieferten, begehrte man schon immer. So wurden Schafe schon vor über 10’000 Jahren in Vorderasien domestiziert. Im Mittelalter dann betrieb man auch hierzulande Schafzucht und die Tiere wurden im Sommer auf die Alp getrieben. Im Jahr 1866 ergab die erste eidgenössische Viehzählung einen Bestand von 445 000 Schafen. Lediglich 50 Jahre später waren es allerdings nur noch 173 000 Tiere – also gut 60 Prozent weniger. Da sich damals neue Exportmöglichkeiten eröffneten, setzten viele Landwirte vermehrt auf Rindviehhaltung. In den 90er-Jahren stand die Schafshaltung auf den Alpwiesen immer mehr in der Kritik: Vor allem die Übernutzung von Schafweiden und die schädliche Wirkung auf die Biodiversität wurden beanstandet. Tatsächlich verringerten die Schafe an manchen Orten die Artenvielfalt, weil sie selektiv fressen, also besonders gerne Blumen und Kräuter vertilgen. Zu allem Unheil wanderte in derselben Zeit auch der Wolf wieder in die Schweiz ein, was die Bestände zusätzlich verringerte.

Saaser Muuten (C) Prospecia Rara
Saaser Muuten (C) Prospecia Rara

Herausforderungen der veränderten Agrarpolitik

2006 wurde ein Rekordbestand von knapp 451’000 Schafen in der Schweiz gezählt – und seither geht es erneut bergab. Dies hat einerseits mit dem Wegfall des gesicherten Wollabsatzes zu tun, andererseits aber auch mit einer veränderten Agrarpolitik. Heute schätzt man den Bestand auf rund 400’000 Tiere. Die grösste Herausforderung für Schafzüchter ist heute denn auch die Rentabilität. Das Ganze sollte unter dem Strich ja wenigstens aufgehen – und oftmals ist dies nicht der Fall. Denn für ein Lamm erhält ein Züchter zwischen 200 und 270 Franken, wobei ein Muttertier 1,5 Lämmer pro Jahr zur Welt bringt. Gut 80 Prozent der Schafe werden in der Schweiz wegen ihres Fleisches gehalten, 20 Prozent wegen der Milch. Die jährliche Inlandproduktion betrug 2019 gut 4200 Tonnen, hinzukommen rund 5200 Tonnen importiertes Fleisch.

Revival der fast vergessenen Rassen

Vor gut hundert Jahren war Schweizer Schaffleisch international als Delikatesse berühmt. Jetzt wird das Fleisch der alten Rassen wieder neu entdeckt. So züchtet denn auch ProSpecieRara sechs fast in Vergessenheit geratene Rassen: Die urtümlich anmutenden Walliser Landschafe, die sehr fruchtbaren Engadinerschafe, die fleischbetonten Spiegelschafe, die feingliedrigen Bündner Oberländerschafe, die grossrahmigen Saaser Mutten und die kleinen Skudden bilden einen Pool an unterschiedlichen Eigenschaften, aus denen die Züchter heute wählen können. Und natürlich liefern die Schafe Wolle – diese ist sehr vielfältig einsetzbar, sei es für Bettdecken, Kissen oder Matratzen, Isolationsmatten, Strickwolle, Filz und Garn.

Elisha Nicolas Schuetz

www.natura-handwerk.ch

www.fissco.ch

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