Viele fahren über Gras, einige fahren aber auch mit Gras. Was erst einmal komisch klingt, ergibt für botanisch versierte BikerInnen rasch einmal Sinn. Denn zur Familie der Süssgräser (Poaceae) gehört eben auch eine besonders gross wachsende, verholzende Art: der Bambus. Seine Halme sind derart dick, leicht, stabil und langlebig, dass sich das Material bestens für die Produktion von Fahrradrahmen einsetzen lässt. Zudem wächst der Rohstoff unglaublich schnell nach – bis zu 30 Zentimeter pro Tag – und ist biologisch abbaubar. Kein Wunder also, nutzen verschiedene Betriebe in Baden-Württemberg die Eigenschaften dieser natürlichen Ausnahme-Ressource.

Idee im Dornröschenschlaf

Die Idee der Bambus-Räder ist indes keineswegs neu. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden etwa in Frankreich, England, Italien und Österreich dazu passende Patente beantragt. Danach folgte jedoch ein hundertjähriger Dornröschenschlaf, bevor ab den 1990er-Jahren wieder Bambus-Prototypen entwickelt wurden. Auch in Deutschlands Süden sind die Holzräder heute auf dem Vormarsch: Besonders gut scheint das Konzept etwa zu Schwetzingen im Nordwesten Baden-Württembergs zu passen. In der Stadt bei Heidelberg wächst erstens reichlich Bambus – etwa im örtlichen Schlossgarten. Zweitens erfand hier vor gut 200 Jahren Karl Drais das Laufrad. Dieses Klima zieht jedenfalls Tüftler wie das Team von «Smart Grass Bicycles» an. Eines ihrer Bambus-Räder erhielt 2018 bereits den «German Design Award».

Im Workshop werden eigene Rahmen entwickelt. © Smart Grass Bicycles

Selbst gebaut ist Trumpf

Wer bereits fertige Gefährte sucht, findet bei «Smart Grass Bicycles» unter anderem ein Bambus-E-Bike, ein «Smart Energy»-Bike mit Karbon-Bambus-Kombination und sogar ein Lastenfahrrad aus dem rasch wachsenden Material. Das Unternehmen aus Schwetzingen hilft geschickten FahrerInnen aber auch dabei, eigene massgeschneiderte Bambusfahrräder zu produzieren: Im Rahmen von Workshops erhalten TeilnehmerInnen in einer süddeutschen Werkstatt das Material, um Schritt für Schritt und gut geführt den eigenen Rahmen zu gestalten. Je nach Modell kann das zwischen vier und acht Tagen in Anspruch nehmen.

Viel Natur dran: die Räder von Smart Grass Bicycles. © Smart Grass Bicycles, Oestergaard

Kurse im «Werkstatthaus»

Auch in der Metropole Stuttgart wird seit Jahren Bambus für Bikes verwendet und entsprechendes Know-how vermittelt. So bieten die beiden Bastler Miki Günter und Michl Schmidt vom «Werkstatthaus» ebenfalls Kurse zum Rahmenbau mit dem robusten, elastischen und leicht zu bearbeitenden Rohstoff an. So entstehen in 50 oder mehr Arbeitsstunden die verschiedensten Radtypen. Dass diese Art des Bike-Baus besonders nachhaltig ist, liegt übrigens auch an den Möglichkeiten der Reparatur: Bambus-Defekte lassen sich häufig flicken und Einzelteile gut austauschen.

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