Eine Wasserburg in der Po-Ebene, eine «römische» Villa aus den 1970er-Jahren, ein neogotisches Schloss auf einem Hügel über der Stadt – so unterschiedlich die Orte, so faszinierend sind sie allesamt. Wer sie heute betritt, begibt sich auf eine Reise durch Epochen und durch sehr individuelle Konzepte, die eigene Gedanken und Wertvorstellungen mit Hilfe von Kunstwerken, Architektur und Gartenkunst sichtbar machen und für die Nachwelt bewahren.

Mythos als Monument

Gedämpftes Licht fällt durch bemalte Glasfenster, schwere Vorhänge halten die Aussenwelt fern. In der Prioria, der letzten Wohnstätte von Gabriele D’Annunzio, herrscht eine beinahe sakrale Stille. Tausende Objekte, zehntausende Bücher, Inschriften an Wänden und Kaminen – alles wirkt wie Teil einer bewusst komponierten Inszenierung. Hier stilisierte sich der Dichter nicht nur zum Ästheten, sondern zum Mythos mit historischer Tragweite. Die Prioria bildet das Herz des Vittoriale degli Italiani in Gardone Riviera am Gardasee, jenes monumentalen Gebäudekomplexes, der ab 1921 nach präzisen Vorgaben des Dichters entstand. Auf rund zehn Hektar verbinden sich Wohnräume, Gärten, Plätze und ein Freilicht-Amphitheater mit weitem Blick über den See zu einem Gesamtkunstwerk aus Architektur, Landschaft und Selbstinszenierung.

Vittoriale degli Italiani am Gardasee – monumentales Gesamtkunstwerk und ehemaliger Wohnsitz des Dichters Gabriele d’Annunzio. © MARCO BECK PECCOZ

Der Ort, an dem sich D’Annunzio zurückzog und sich zugleich ein Denkmal setzte, lässt Besucher heute in die exzentrische Gedankenwelt des Dichters eintauchen. Selbst Relikte seiner militärischen Unternehmungen integrierte er in das Areal – etwa den in den Hügel eingelassenen Bug des Kreuzers «Puglia» oder das Schnellboot MAS 96. Sie verweisen auf jene Rolle, die D’Annunzio im Ersten Weltkrieg für sich beanspruchte: Genie, Akteur, Legende.

Bilden und bewahren

Ebenfalls am Gardasee, in Lonato del Garda, liegt die Casa del Podestà – eine der eindrucksvollsten Case Museo Norditaliens. Anders als das selbstinszenierte Vittoriale erzählt dieses Haus von bürgerlicher Sammelleidenschaft und Bildung. 1906 erwarb der liberale Politiker Ugo Da Como den venezianischen Palazzo und liess ihn restaurieren, um hier seine Kunst- und Büchersammlungen unterzubringen. Über zwanzig Räume mit Gemälden, Holzarbeiten, Skulpturen und Majoliken spiegeln den gehobenen Wohnstil um 1900. Im Garten befindet sich die Bibliothek mit mehr als 52’000 Bänden – Handschriften, Inkunabeln und seltenen Drucken vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Sie zählt zu den bedeutendsten privaten Büchersammlungen Italiens.

Leben in der Kunst

Nur wenige Kilometer von Brescia entfernt liegt die Casa Zani in Cellatica: ein privates Gesamtkunstwerk. Über drei Jahrzehnte trug der Unternehmer und Sammler Paolo Zani hier mehr als 850 Werke zusammen – Gemälde von Canaletto, Tiepolo oder Guardi, barocke Möbel, Skulpturen und Kunsthandwerk des 17. und 18. Jahrhunderts. Bis zu seinem Tod 2018 lebte er mitten in dieser dichten Welt aus Meisterwerken; nichts wirkt hier modern oder alltäglich. Hier ist es gesammelte Kunst, die das Leben rahmte. Die 1976 errichtete Villa folgt dem Modell einer römischen Domus und gruppiert elf Räume um ein zentrales Wasserbecken. Auch der über 3000 Quadratmeter grosse Garten mit Skulpturen und Nymphäum setzt die opulente Inszenierung fort. Wie aus einem Märchen erhebt sich wiederum Castello Bonoris über Montichiari – mit Türmen, Zinnen und einem grossen Park.

Der Unternehmer Paolo Zani lebte inmitten von Kunst und Antiquitäten aus aller Welt. Heute ist die Casa Museo Zani der Öffentlichkeit zugänglich. © MASSIMO LISTRI

Doch der Eindruck trügt: Der Bau entstand erst zwischen dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Graf Gaetano Bonoris liess ihn auf den Resten einer alten Rocca errichten – als private Residenz im Stil spätmittelalterlicher Burgen des Aostatals. Entstanden ist eines der markantesten Beispiele neogotischer Architektur in der Lombardei, zwischen Romantik und historisierender Fantasie. Fresken, Möbel und Dekorationen folgen konsequent dem mittelalterlichen Ideal. Das hoch über der Stadt gelegene Anwesen, umgeben von Park und «geheimem» Garten, ist heute restauriert und im Rahmen von Führungen zugänglich.

Geschichte im Fluss

Mitten in der Bassa Bresciana, der weiten Ebene bei Brescia, erhebt sich das Castello di Padernello, ein selten geschlossen erhaltenes Beispiel lombardischer Backsteinarchitektur. Der im 14. Jahrhundert von der Familie Martinengo errichtete Bau spiegelt sich bis heute im Wassergraben, wehrhaft und zugleich repräsentativ.

Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich die Festung zur adeligen Residenz. Nach sorgfältiger Restaurierung ist das Schloss heute wieder belebt: Besucher betreten über die noch funktionierende Zugbrücke Höfe, Säle und Küchen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, entdecken Fresken, Holzbalkendecken und Spuren verschiedener Epochen. Kulturelle Veranstaltungen und Märkte knüpfen an die Geschichte des Ortes an und verankern ihn neu in der Region. Zwischen Gardasee, Iseosee und den Tälern der Brescianer Alpen liegen zudem einige der «Borghi piu belli d’Italia», der schönsten kleinen Ortschaften des Landes: Bagolino, Bienno, Limone sul Garda, Tremosine oder Monte Isola. Orte, die sich mit diesem Prädikat schmücken dürfen, haben ihre gewachsene Struktur bewahrt und Geschichte wirkt hier nicht museal, sondern als Teil des alltäglichen Lebens.

Castello Bonoris in Montechiari: Ausdruck der romantischen Mittelaltersehnsucht seines Bauherrn Gaetano Bonoris. © CASTELLO BONORIS

In Limone sul Garda prägen die historischen «Limonaie» bis heute das Landschaftsbild. Die hohen, weiss verputzten Pfeilerreihen dieser einstigen Zitrusgewächsanlagen steigen wie offene Gerüste zum Himmel und zeugen von einem bemerkenswerten Kulturprojekt: Seit dem 18. Jahrhundert gelang es hier, an der nördlichsten Grenze des europäischen Zitrusanbaus, die gelb und orange leuchtenden Vitamin-C-Spender zu kultivieren. Die terrassierten Anlagen nutzten das milde Seeklima und sorgten durch massive Mauern,  Südexposition und saisonale Überdachungen für geschütztes Mikroklima. Funktion und Ästhetik bilden hier ein harmonisches Ganzes mit zeitloser Eleganz. Ob Zitronengärten am nördlichen Gardasee, alpine Hochplateaus mit weitem Seeblick oder mittelalterliche Gassen von Bagolino in der Valle Camonica – die Provinz Brescia zeigt, wie eng Architektur, Landschaft und Lebensart miteinander verwoben sind. Die Case Museo erscheinen darin wie persönliche Kapitel einer grösseren kulturellen Erzählung.

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