Barock trifft Bikini
Historische Bäder sind wie Zeitkapseln. Doch schrumpelig ist nach dem Bad in geschichtsträchtigen Gewässern höchstens die Haut: Denn sie strahlen ganz gegenwärtig Grandezza aus.

Historische Bäder sind wie Zeitkapseln. Doch schrumpelig ist nach dem Bad in geschichtsträchtigen Gewässern höchstens die Haut: Denn sie strahlen ganz gegenwärtig Grandezza aus.

Badeanzug an, Handtuch unter dem Arm – und schon gleitet man hinein in die Historie, die erfrischend ist. Wie passend, dass diese Badeorte von Verflossenem erzählen. Es dampft, es hallt, die Luft schmeckt nach Wasser und Würde. In Anbetracht dessen, dass die Ursprünge der europäischen Badekultur in der Antike liegen, scheint das Schwelgen im kühlen oder wohlig warmen Nass geradezu etwas Urmenschliches zu sein. Der Mensch badet, seit er denkt. Schon im antiken Mesopotamien galt Wasser als Reinigungsritual und gesellschaftliches Ereignis. In Ägypten war das Bad Teil einer körperästhetischen Kultur – ein gepflegter Körper galt als Ausdruck von Status und Spiritualität. Schliesslich treiben die Römer das Baden zur Blüte: Ihre Thermenanlagen waren städtische Gesamtkunstwerke – sie schufen Orte für Körperpflege, Politik und Plausch, die bis heute als Vorbilder gelten.
Beispielsweise sprudelt die Geschichte des Badener Bäderquartiers mindestens bis 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Es braucht keine Schwimmflügel für den Verstand, um zu begreifen, warum Baden nach wie vor einer der bedeutendsten kulturhistorischen Stätten des Landes ist. In den heissen Thermalquellen, wo Römer badeten, kurierten und debattierten, entstand die bis heute ungebrochene Kurtradition. So schwelgen Gäste etwa in den weiten Wannen des Römerbads im Hotel Blume in der Art von anno dazumal.
Relaxen wie die Römer lässt auch im Ort, der «Baden» gleich doppelt im Namen trägt: Nach dem Exempel der römischen Thermalanlagen, deren Ruinen man bis heute gleich nebenan besichtigen kann, schuf der Architekt Carl Dernfeld 1877 einen Bau, der dem Begriff «Badetempel» alle Ehre macht. Im Friedrichsbad in Baden-Baden möchte man, wenn überhaupt, nur kurz abtauchen, um die reich mit Malerei und Stuck verzierte Kuppel mit 18 Metern Höhe nicht aus den Augen zu verlieren. Die Badebecken im Stil der Neorenaissance sind aus Carrara-Marmor gefertigt.

Und doch braucht es nicht immer Marmor und mineralienreiches Wasser, um das Bad im Geist der Geschichte zu erleben. Manchmal reicht ein Holzsteg, eine steile Treppe – und den Mut, sich herzvoran in den kühlen Weiher zu wagen. «Drei Weieren», ein Naherholungsgebiet oberhalb der Stadt St. Gallen, besteht aus künstlich angelegten Weihern aus dem 17. Jahrhundert, diente einst als Wasserreservoir für die Textilindustrie. Wer sich heute hier tummelt, trägt meist wenig Textiles, zieht sich jedoch in über 100 Jahre alten, ikonischen Jugendstil-Häuschen um – oder sauniert. Jüngst wurde das ehemalige Bademeisterhäuschen, dessen Balken teils 600-jährig sind, feinfühlig saniert.
Den Zahn der Zeit zu polieren, ist auch andernorts Thema: Nach zweijähriger Sanierung balancieren ab diesem Herbst wieder Badegäste am Beckenrand des Merkel’schen Schwimmbad in Esslingen in Baden-Württemberg. Weiterhin können sie ihre Musse in der Jugendstil-Halle mit 34 Grad warmem Thermalwasser marinieren, inmitten einer Empore mit Bogenfenstern, gekachelten Säulen und bemalten Fenstern.
Vom Dampf de luxe zum alpinem «Badl» eine Brücke geschlagen, führt die Reise in die tropfnassen Tiefen des Badewesens nach Südtirol. Schliesslich fanden hier schon Kaiserin Sisi, Schriftsteller Thomas Mann und andere Prominente das wahre Wohlsein – dieses liegt hier zwischen Heilwasser und Heuduft; Körperpackungen aus feuchtem, warmem Heu zählen zu den traditionellen Gesundheitsritualen. Im Besonderen strömt die Kur durch die Adern einer Stadt: Meran ist bereits seit 1836 Kurort von Rang. Heute setzt sich in der neue Therme Meran, deren Ursprung auf das Jahr 1874 zurückgeht, das kultivierte Kuren fort. In Anbetracht der spritzigen Anekdoten vermag selbst ein hyper-stylisher Neubau den altehrwürdigen Badeanstalten kaum das Wasser abzugraben.
Taufrische Tipps für den Hechtsprung inmitten historischer Gemäuer.
Drei Weieren, St. Gallen: Einst für die Stadtbevölkerung als Lösch- und Badeweiher angelegt, später Sehnsuchtsort der feinen Gesellschaft – und heute Naherholungsgebiet mit kühlem Nass und Sicht auf die Stadt St. Gallen. www.st.gallen-bodensee.ch
Bad Schorgau, Südtirol: Bad Schörgau blickt auf eine Badetradition seit dem 17. Jahrhundert zurück. Einst Bauernbad mit Quellwasser, heute stilvoller Rückzugsort, wo alpine Heilkunst und moderne Hydrotherapie zusammenfinden. www.suedtirol.info
Vierordtbad, Baden-Württemberg: Gestiftet vom Bankier Heinrich Vierordt, öffnete das Badehaus im Stil der Neorenaissance 1873 seine Pforte. Auch nach den Renovationen, zuletzt 2021, schwimmt man hier in der historischen Badehalle im Licht alter Sprossenfenster. www.visit-bw.com
Therme Pré-Saint-Didier, Aosta: Seit der Antike bekannt, avancierte Pré-Saint-Didier im Jahrhundert zum Kurort. Heute verbindet die Therme moderne Architektur mit jahrhundertealter Heiltradition – vor majestätischer Mont-Blanc-Kulisse. www.lovevda.it
