Klaus Berger, Südtirol verzeichnete 2025 rund 38,2 Millionen Übernachtungen und 9,1 Millionen Ankünfte. Welche Rolle spielen die Vier- und Fünf-Sterne-Betriebe in dieser Bilanz?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Betriebe erzielen gerade in diesem Segment mit ihren hohen Auslastungsquoten sehr gute Werte. Die 56 Fünf-Sterne-Betriebe sind das Aushängeschild des Landes und der Südtiroler Familien, denn es handelt sich vornehmlich um Familienbetriebe mit starker Identität.

Was unterscheidet Südtirols Spitzenhotellerie von Tirol oder Graubünden?

Früher fuhren wir nach Tirol, um uns inspirieren zu lassen. Heute ist es umgekehrt: Hoteliers aus Tirol, Graubünden und sogar von Schweizer Hotelgruppen kommen hierher, um zu sehen, wohin sich Südtirol entwickelt. Was sie beeindruckt, ist das Gesamterlebnis: die Qualität der Hotels und der Spa-Anlagen, das Gastronomieniveau, die Architektur und die Materialien. Graubünden hat starke Flagship-Häuser im Luxussegment, aber im Vier-plus-Bereich mangelt es an Hotels. Tirol wiederum investiert noch immer weniger konsequent in Details und Gesamtkonzept als Südtirol.

Worin liegt das Geheimnis der Investitionsbereitschaft Südtirols?

Es liegt in der Struktur: 99 Prozent der Betriebe sind familiengeführt. Eine Familie denkt nicht in Quartalsergebnissen, sie denkt in Generationen. Statt Dividenden auszuschütten, wird in neue Suiten, Gastronomie und Spa investiert. Und das sieht man. Wer kürzlich renovierte Häuser mit seit Jahren nicht modernisierten vergleicht, spürt den Unterschied sofort. Hinzu kommt, dass diese Familien in ihren Betrieben leben und ihre Gäste persönlich kennen. Dieses Gastgebertum kann sich keine Kette der Welt erkaufen.

Welche Innovationen prägen aktuell die Zimmer der Südtiroler Spitzenhotellerie?

Das Zimmer und daher auch das Hotel wird heute als Gesamtpaket gedacht. Es geht nicht darum, einfach grösser zu bauen, sondern richtig zu bauen. Die Technik muss stimmen: zugfreie Kühlung, intelligente Beleuchtungskonzepte und perfekte Verdunkelungssysteme, damit auch Familien mit Kindern ungestört schlafen können. Hochwertige, regionale Materialien prägen das Raumgefühl. Wir erleben eine starke Bewegung hin zu materialverliebten, handwerklich geprägten Ausstattungen mit Holz aus dem eigenen Wald, Stein aus dem Tal und lokales Kunsthandwerk. Das Zimmer soll unverwechselbar sein und dem Gast das Gefühl geben: Ich bin in Südtirol.

Orte wie Brixen dürften stärker ins Blickfeld Schweizer Gäste rücken. © STOCK.ADOBE.COM, DIRK

Europaweit ist eine Renaissance der gutbürgerlichen Küche zu beobachten, so auch in Südtirol?

Absolut, und ich glaube, wir sind hier in einer privilegierten Position, weil wir diese Kultur nie ganz verloren haben. Neben der Sternegastronomie – Südtirol zählt 21 Michelin- Sterne-Restaurants, darunter Zwei-Sterne-Häuser und ein Drei-Sterne-Haus bei nur 500’000 Einwohnern – gibt es die Vereinigung Südtiroler Gasthaus. Die rund 30 Mitgliederbetriebe kochen konsequent regional und saisonal: Grossmutters Küche, verfeinert mit modernem Können. Der Trend geht weg von aufgeschichteten Püree-Kreationen hin zu erkennbarem Gemüse und zu Produkten, die so aussehen, wie sie in der Natur gewachsen sind. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Berghütten-Gastronomie, die wir aktiv fördern und teilweise in familiengeführte Qualitätsbetriebe umgewandelt haben: Man kann in Südtirol auf jedem Gipfel wirklich gut essen.

Wie entwickelt sich der Spa-Bereich – inwiefern droht Austauschbarkeit?

Das ist eine berechtigte Sorge, und die Betriebe wissen das. Wer heute sieben Saunen anbietet, ist morgen einer von vielen. Innovation geht deshalb in Richtung Ganzheitlichkeit und Personalisierung. Erfolgreiche Häuser kombinieren Wellness mit geführten Naturerlebnissen, Achtsamkeitskonzepten und individualisierten Wellness-Angeboten für verschiedene Gästetypen. Sie schaffen ein Rundum-sorglos-Paket, bei dem sich der Gast um nichts mehr kümmern muss und sich gezielt erholen kann. Der Spa ist dabei nur ein Element eines durchdachten Erlebniskonzepts, welches Umfeld, Landschaft und lokale Kultur einbezieht. Ein kleiner Betrieb mit einer einzigen, perfekt betriebenen Sauna und dem stimmigen Gesamtgefühl schlägt den gesichtslosen Wellness-Palast jederzeit.

Sie erwähnten Naturerlebnisse; Ist das Freizeitangebot das neue Differenzierungsmerkmal?

Es wird immer wichtiger. Die Transformation geht vom reinen Beherbergungsbetrieb zum Erlebnisgestalter. Familienhotels, die authentisch vermitteln, warum man genau diese Wanderung unternehmen sollte, wo der schönste Ausblick ist, welcher Bauer die besten Äpfel anbaut, schaffen eine Glaubwürdigkeit, die kein Prospekt erzielen kann. Wenn der Hotelchef abends am Tisch sitzt und sagt: «Da war ich letzte Woche mit meiner Familie auch», macht das den entschiedenen Unterschied zu jedem bezahlten Concierge-Tipp.

Wie beurteilen Sie die Fachkräftesituation der nächsten zehn Jahre?

Das ist die drängendste Herausforderung. Wenn du nicht willst, kommt der Nächste – das funktioniert heute nicht mehr. Der Arbeitnehmermarkt hat sich fundamental verändert: Mitarbeitende erwarten Einzel- statt Mehrbettzimmer, Wertschätzung, Weiterbildung und Perspektiven. Der HGV arbeitet deshalb an einem konkreten Instrument: Aufgegebene Beherbergungsbetriebe sollen künftig rechtssicher als Mitarbeiterunterkünfte genutzt werden dürfen. Das würde kleinen Familienbetrieben einen geordneten Ausstieg ermöglichen, den angespannten Wohnungsmarkt entlasten und grösseren Häusern die Möglichkeit geben, ihren Mitarbeitenden würdige Unterkünfte anzubieten. Ein entsprechendes Gesetz soll diesen Herbst kommen.

Die exquisite Berghütten-Gastronomie ist ein Alleinstellungsmerkmal. © DANIELA DAMBACH

Das Buchungsverhalten verändert sich rasant. Was beobachten Sie?

Wir sehen zwei gegenläufige Trends: Die Direktbuchung gewinnt wieder an Bedeutung – zufriedene Gäste buchen direkt, oft auf Empfehlung. Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert gerade beim Schweizer Gast erstaunlich gut. Gleichzeitig werden die Buchungskanäle komplexer. Online-Marktplätze haben viel Druck erzeugt. Kritisch stimmt mich, dass sich viele Häuser in Kooperationsbroschüren und auf digitalen Plattformen zu ähnlich präsentieren: Holz, Glas, Wellness. Man blättert und weiss nach einer Seite nicht mehr, wie das Hotel heisst. Das ist gefährlich. Die individuelle Geschichte und Persönlichkeit der Familie müssen in der Kommunikation stärker in den Vordergrund rücken.

Stichwort «Schweizer Gäste»: Sie machen derzeit erst rund 4 Prozent der Übernachtungen aus. Welches Potenzial sehen Sie?

Enormes! Der Schweizer Gast ist für uns ein Traumgast, der überlegt, Dienstleistung würdigt, wiederkommt und Freunde mitbringt. Er kauft Wein, bucht Ausflüge, schätzt persönliche Ansprache und gibt Geld aus, wenn er das Gefühl hat, dass der Gegenwert stimmt. Die Schweiz hat wirtschaftlich starken Rückenwind, entsprechend viel Potenzial liegt noch brach. Was wir besser machen müssen: Wir zeigen dem Schweizer Gast zu wenig, dass Südtirol östlich von Meran eine ganz andere Qualität hat. Brixen, Bruneck, aber sogar Bozen selbst – das sind Destinationen, die Schweizer Gäste oft noch gar nicht auf dem Radar haben.

Wo sehen Sie die Vier- und Fünf-Sterne-Hotellerie in zehn Jahren?

Ich bin grundlegend optimistisch. Südtirol hat eine Bettenobergrenze eingeführt, was ein mutiger Schritt ist. Das bedeutet: Wachstum findet nicht mehr in der Breite, sondern in der Tiefe statt. Kleinere Betriebe werden in höhere Kategorien wechseln oder die Betten zurückgeben. Die verbleibenden Häuser werden qualitativ nochmals zulegen. Die Herausforderung wird sein, die Familienstrukturen zu erhalten. Nicht alle Betriebe können die Nachfolge innerhalb der Familie regeln. Wir möchten verhindern, dass attraktive Häuser in die Hände von reinen Investoren fallen, ohne Verbindung zur Region. Der HGV arbeitet aktiv an Strukturen für Generationenwechsel und Übergaben an andere engagierte Familien. Denn: Was Südtirol besonders macht, lässt sich nicht kaufen – es muss gelebt werden.


© ZVG

Zur Person: Klaus Berger, Jahrgang 1971, ist seit November 2025 Präsident des Hoteliers- und Gastwirteverbandes HGV. Der Bozner Hotelier führt zusammen mit seiner Familie seit 2015 das Hotel Post Gries in Bozen. Zuletzt war er vier Jahre lang HGV-Vizepräsident und Bezirksobmann Bozen.