Barocke Bauten – barocker Lebensstil

Solothurn gilt sowohl als schönste Barockstadt der Schweiz als auch als Ambassadorenstadt. Das eine hat mit dem andern zu tun. Die Präsenz der Vertreter des französischen Königreiches dauerte rund 300 Jahre.

Zahlreiche Gebäude in der Stadt Solothurn und einige Sommerschlösschen am Jurasüdfuss sind im Barockstil gebaut. Wer hat eigentlich den Barock erfunden? Hat die Bezeichnung “Barockstil” damit zu tun, in welcher Zeitspanne bestimmte Gebäude, Gemälde, Kleider, Gärten, Musikstücke oder Werke aus der Literatur geschaffen wurden? Beim Barock etwa zwischen 1650 und 1750. Oder geht es um spezifische Merkmale? Barocke Kunst ist meist üppig und überladen und überschwemmt visuell mit Informationen. Sie ist bewegt, lebendig, pompös und verschnörkelt. Will man erleben, erfahren, erkennen, ausprobieren was Barock meint, besucht man die Ambassadorenstadt Solothurn.

Barocker Lebensstil
Solothurn hat nicht nur viele barocke Gebäude. Solothurn lädt auch ein, einen barocken Lebensstil zu pflegen. Dieses Lebensgefühl erfährt man bei schönem Wetter abends an der Aare und auf der Treppe zur St. Ursen-Kathedrale. Bei jedem Wetter in den Hotels und Gasthöfen, am Samstagsmarkt in der Stadt und in den Schlössern rund um Solothurn. Denn unter “barocker Lebenslust” versteht man sich entspannen, gut essen und trinken, sich amüsieren und das Liebesleben geniessen – und vor allem nicht ans Morgen denken. Carpe diem, nutze den Tag, ist der Leitspruch des Barock.

Schloss Waldegg (c) Regula Zellweger
Schloss Waldegg (c) Regula Zellweger

Katholizismus und Söldnerwesen
Solothurn ist umgeben von reformierten Kantonen, in welchen Zwinglis Überzeugung, dass Reisläuferei nicht im Sinne des Christentums sei, dem Handel mit Söldnern Einhalt gebot. In Solothurn kamen dadurch Offiziere von Söldnerheeren und Werber von Söldnern zu immensem Reichtum und bauten sich und ihren Familien Villen und Schlösser, der Stadt Kirchen und Gebäude für die Verwaltung. Bösartige Zungen könnten behaupten, Solothurns Reichtum, erkennbar an den herrlichen Barockbauten, basiere auf Menschenhandel, der für viele junge Schweizer mit dem Tod auf dem Schlachtfeld endete. Die Annahme, dass Söldneroffiziere aus sicherer Entfernung dem Schlachtgetümmel zusahen, ist laut Erich Weber, Kurator des Museums Blumenstein, nicht korrekt. In Blumenstein, dem Historischen Museum der Stadt, zeigt er Porträts der vier Söhne der Besitzerfamilie Greder, die alle auf dem Schlachtfeld in jungen Jahren ihr Leben verloren oder an den Folgen von Kriegsverletzungen starben.

Epoche der Gegensätze
Seinen Anfang hatte der Barock zu Beginn des 17. Jahrhunderts im katholischen Süden Europas. Der Dreissigjährige Krieg von 1618-1648 wütete damals in ganz Europa. Katholiken gegen Protestanten und Protestanten gegen Katholiken. Man war gegen den König und für den Papst – oder umgekehrt. Der Barock ist deshalb eine Epoche der Gegensätze. Einer überbordenden Prachtentfaltung und ausgelassenen Lebenslust, ausgedrückt als Schäferidyllen in Kunst und Opern, stehen als Folge des Dreissigjährigen Krieges und der immer wieder grassierenden Seuchen Todesangst und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit gegenüber. Man hoffte auf ein besseres Leben im Jenseits, wurde aber in Kunst und Kirche immer wieder an die Strafen im Fegefeuer gemahnt. Starke Gegensätze bestanden auch zwischen arm und reich. Während in reichen, oft adligen Familien nach dem Vorbild des französischen Sonnenkönigs Luxus und Verschwendung herrschten, war das Leben der einfachen Bevölkerung geprägt von Armut und Hoffnungslosigkeit. Prunkvolle Bauten sollten die Macht des Adels demonstrieren, während die Bevölkerung darbte.

(c) Kunstmuseum Solothurn
(c) Kunstmuseum Solothurn

St.Ursen-Kathedrale
In Solothurn macht es Spass, der Barockzeit mit seinem Menschen- und Weltbild nachspüren. Denn in Solothurn kann man nicht nicht über Zeugen dieser Zeit stolpern. Dominant thront die St. Ursen-Kathedrale mit barocker Fassade und barockem Turm wie eine dicke Henne mit früher generell weissen, heute sanft farbigen Häuserzeilen unter ihren Flügeln. Die Kirche wurde anstelle einer älteren Kathedrale erbaut. Zuerst wollte man Teile der alten Kirche erhalten und in den Neubau integrieren, aber ein Teil brach zusammen – zum Glück wurde niemand erschlagen. Damit war der Weg frei für eine neue Kirche. 1762 wurde mit dem Bau begonnen. 1773, am Ende der Barockzeit, war der Bau vollendet. Das Innere der Kathedrale ist bereits klassizistisch gestaltet. Der neue Stil ist als Gegenmodell zur verschnörkelten Kunst des Barocks zu verstehen. Erkennbar ist er an geradlinigen, schlichten und klaren Formen, die eher rationale Kühle vermitteln. Und doch entdeckt man auch barocke Elemente.

Zeugen der Barockzeit
Wer sich die Stuckatur an der Decke des Kirchenschiffes genauer betrachtet, wird sich wundern. Da sind Waffen: Spiesse, Hellebarden… Und mitten in der Kuppel erblickt man das Auge Gottes, der das scheinbar akzeptiert. Die Hauptfassade ist zweigeschossig und im Erdgeschoss dreigeteilt. Vorgelagert ist eine monumentale Freitreppe, die mit ihren zwei Brunnen den östlichen Abschluss der Hauptgasse, der Marktgasse bildet. Bereits 1720 habe Solothurner Bürger moniert, dass sich Jugendliche auf dieser «barock» benahmen, also mit allen Sinnen überschwänglich lebensfreudig. Heute ist die Treppe noch immer ein beliebter Treffpunkt. Die originalen Prospekte, also die Schauseiten der Haupt- und der Chororgel, sind noch erhalten. Der Orgelprospekt im südlichen Querschiff ist eine eigentliche Attrappe, der Symmetrie wegen.

Jesuitenkirche und Ambassadoren
Der solothurnische Einsatz im französischen Solddienst führte 1530 zur Niederlassung einer ständigen französischen Ambassade für die ganze Eidgenossenschaft in Solothurn. Diese Präsenz beeinflusste nicht nur die politische und gesellschaftliche Haltung der Stadt, sondern prägte auch das Stadtbild. Während dem Dreissigjährigen Krieg gewann die Ambassade durch barocke Umbauten an Bedeutung. 1717 durch eine Feuersbrunst zerstört, wurde sie durch einen Neubau ersetzt. Die Präsenz Frankreichs hob die Bedeutung Solothurns in der Eidgenossenschaft. Erst während der Französischen Revolution verliess 1792 der letzte Ambassador Solothurn. Der Einfluss Frankreichs ist beispielsweise in der Jesuitenkirche gut spürbar. Wer die barocke Stuckatur im Kirchenschiff genauer betrachtet, stösst auf Kohlköpfe. Damit ist man nicht nur beim mit der grossen, bunten Auslage barock anmutenden Samstagsmarkt vor den Toren der Jesuitenkirche, sondern auch bei den drei barocken Bildern, die im Kunstmuseum zu sehen sind.

(c) Regula Zellweger
(c) Regula Zellweger

Schlösser und Museen
Denn Kohlköpfe findet man im Gemälde “Die Heilige Familie im Früchtekranz” im Kunstmuseum Solothurn. Dieses Bild ist mit seiner Fülle, den Farben, den floralen Motiven, den eher süss anmutenden Engelchen und Menschen voll-barock! Italienischen Barock findet man beim Schloss Waldegg, französischen beim Schloss Blumenstein. Beides sind Sommerhäuser von Patrizierfamilien. Waldegg wurde zwischen 1682 und 1690 erbaut und diente der Familie Besenval als Sommerresidenz. Blumenstein beherbergt das Historische Museum der Stadt Solothurn. Dieses Museum ist ein hervorragendes Beispiel für lebendige Museumskultur. Wechselnde Ausstellungen und Anlässe bewirken, dass man bei jedem Besuch wieder Neues entdecken kann.

Barock zelebrieren
Auch das Museum Altes Zeughaus, das Stadttheater, das Hotel La Couronne und die Einsiedelei in der Verenaschlucht mit ihren drei barocken Kapellen stammen aus dem Barockzeitalter.  Heute gibt es eine Barock Cafébar und sogar ein Taxi Unternehmen mit knallgelben Autos führt «Barock» im Firmennamen. Carpe diem – und auch Carpe noctem – erlebt man an der Aare. Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich Lokale an das linksseitige Ufer der Aare in der Altstadt und schwappen mit ihren Tischen und Stühlen bis zur Mauer am Fluss. Ihnen gegenüber zelebriert man barockes Lebensgefühl noch lockerer, holt sich in der Hafenbar Getränke oder konsumiert Mitgebrachtes auf einer Mauer, auf Treppenstufen und im Gras. Die Zeit vergeht im Flug, wenn man durch Solothurn bummelt. Solothurn hat etwas von einer Kleinstadt – ist aber traditionell dank der Jahrhunderte langen, engen Verbindung zu Frankreich weltoffen. Barock geniessen ist eine mögliche Antwort auf die Hektik unserer Zeit.

Regula Zellweger

www.solothurn-city.ch

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.